ROHDATEN

Ronald Hartwig's Datenverarbeitungen

Scrooge – Sag mir wo die Bilder sind

Zwei Jahre nach ihrem Debüt „Happy What Else” wirft Wiens begabteste Nischenband(?) ihr neues Nischenprodukt(?) auf den Markt. „Cinematograph” liegt in der Hand wie ein Suhrkamp-Taschenbuch, ist die Eintrittskarte fürs Kino in deinem eigenen Kopf und zeugt davon, daß auch Instrumente Wärme erzeugen können, wenn sie sich aneinander reiben. Das neue Album ist weniger verspielt, bringt dafür die Musik auf den Punkt. Scrooge erweisen sich einmal mehr als Band mit eigener Handschrift und hoher Musikalität jenseits reiner Soundtüfteleien. Ronald Hartwig plauderte mit der Band über Stärken, Schwächen, Federvieh, Winnetou und die Biene Maya.

Scrooge formierten sich Anfang der Neunziger Jahre, als die Wiener Independent-Szene blühte und gedieh und es vor allem in der Hardcore-Szene eine dichte Infrastruktur gab, die es mit den Musikstilen mitunter nicht so genau nahm. Auftritts- und Compilationreihen wie die des „Boiler Live Pool” im (alten) Flex waren die Folge, das Publikumsinteresse stimmte, das des Auslands blieb den meisten Bands verwehrt. Dennoch eine gute Möglichkeit, sich öffentlich warmzuspielen und an allfälligen Visionen zu feilen. Scrooge profilierten sich hier bald als winkelige, aber wendige Combo zwischen Hardcore, Pop und Avantgardismen. Ersteres trat im Lauf der Zeit immer mehr in den Hintergrund, letzteres gewann an Gewicht. Speziell die Henry-Cow-Slapphappy-Schule und politisch angehauchte Bands, die sich – vom Punkrock kommend – in die Breite entwickelten, wie The Ex und die Dogfaced Hermans, galten als Orientierungspunkte. Schließlich war da noch dieses Faible für osteuropäische Avantgarde, das unter anderem dazu führte, daß man sich Pavel Fajt als Produzenten für die erste CD „Happy What Else” holte.

Schon einige Zeit vorher kam es zu einem entscheidenden (und dem bis dato letzten) Personalwechsel: Sänger Dominik Dusek (heute der „Bottervogel” und Schlagzeuger bei Snakkerdu Densk) veließ die Band, für ihn kam Regina Ausserwöger, die neben dem weiblichen Gesang auch die Geige bei Scrooge einführte und den Scrooge-Sound von nun an mitprägte. Die anderen Bandmitglieder: Romeo Bissuti (Baß), Günther Castanetti (Schlagzeug), Oliver Stotz (Gitarre und anderes). Auch Managerin Julia Hosek wird als assoziiertes Bandmitglied gesehen.

Ein besonderes Naheverhältnis scheint die Band zum Ernst-Kirchweger-Haus zu haben, einem Objekt, daß eigentlich der – bekanntlich schwerreichen – kommunistischen Partei gehört, einst aber von verschiedenen linken bzw. antifaschistischen Gruppierungen besetzt wurde. Seit einiger Zeit duldet die KPÖ die Hausbesetzer, die Räumlichkeiten werden vor allem von Künstlern und Kulturschaffenden gerne genutzt. Scrooge sitzen bei den Veranstaltungen der dortigen Theatergruppe (zuletzt: „der Auftrag” von Heiner Müller) regelmäßig im Orchestergraben, arrangieren die Musik auch selber und bringen sie auch – in kleinen Stückzahlen – auf Tonträger unters Volk. Hinzu kommen Filmsoundtracks wie das „Nosferatu”-Projekt, wo der Stummfilmklassiker live begleitet wurde. Seit Herbst letzten Jahres kümmert sich Oliver Stotz um das Konzertprogramm im EKH und sorgt damit dafür, daß so manche Perle der internationalen Avantgarde auch Wien auf ihrem Tourneeplan hat.

Im Interview standen Günter Castanetti und ein wie immer sehr selbstkritischer Oliver Stotz Rede und Antwort.

Auf der neuen CD ist mir dieser Soundtrackcharakter aufgefallen. Die Stücke besitzen ziemlich starke Bildkraft, was ja im Albumtitel „Cinematograph” und zum Teil auch in den Songtiteln zum Ausdruck kommt. Außerdem hat sich der Schwerpunkt im Vergleich zum ersten Album mehr auf InstrumentalÜber Mich verlegt, ihr arbeitet nicht mehr so viel mit Texten. Wie ist es dazu gekommen?

Oliver: Wir mußten uns einfach eingestehen, daß wir alle keine großen Textschreiber sind. Uns ist eine gute Instrumentalnummer lieber als eine, bei der man sich einen Text zusammenkrampfen muß, nur damit es ein Song wird. Wenn sich kein Text von selber ergibt oder wir nicht auf einen guten stoßen, lassen wir die Nummer lieber instrumental. Und das mit dem Soundtrackcharakter stimmt insoferne, als als wir festgestellt haben, daß es eine Stärke von und ist, zu Bildern zu arbeiten. Drei Stücke von der CD sind von unserer Nosferatu-Vertonung, die wir dann noch umgearbeitet haben. Während dieses Filmprojekts ist uns aufgefallen, daß es uns viel leichter fällt, Musik zu machen, wenn die Bilder klar sind, weil es bei uns ein sehr schwerer Findungsprozeß ist, worum es überhaupt gehen soll und wo der Schwerpunkt bei welcher Nummer liegen soll. Bei Bildern ist das irgendwie klarer vorgegeben, andererseits funktionieren die Songs dann auch, ohne daß man die Bilder dazu zeigt. Wir haben festgestellt, daß wir bei Instrumentalnummern auf Über Michalische Weise Geschichten erzählen, deshalb der Hinweis auf das Medium Film im Albumtitel.

Günther: In diesem Sinne ist das eigentlich nichts Neues, da unsere Musik vom Anfang an mit cartoonesken Attributen versehen worden ist. Das Bildhafte war eigentlich immer schon da, selbst zu der Zeit, wo der Dominik (Dusek, heute der Bottervogel und Drummer bei Snakkerdu Densk, Anm.) gesungen hat und wo die Texte doch sehr im Vordergrund waren, gab es diese Assoziationen zu Bildern.

Die CD erscheint mir sehr fein arrangiert, außerdem habt ihr euch diesmal anscheinend auch die Möglichkeiten von Cristoph Amanns Digitalstudio zunutze gemacht. Ich denke da an all die Schnitte, Überblendungen und Soundcollagen. Hat sich das erst im Studio ergeben oder war das vorausgeplant?

Oliver: Das meiste war schon vorausgeplant. Manchmal ist es ein bißchen anders geworden, aber nicht entscheidend. Es gibt auch gar nicht so viele Schnitte. Tatsächlich sind nur zwei Sachen auf dem Computer entstanden. Der Rest wäre analog auch möglich gewesen, das Digitale hat also keine große Rolle gespielt.

Günther: Das mit den ausschweifenden Arrangements lag wahrscheinlich daran, daß wir jede Menge Spuren zur Verfügung hatten. Getrickst wurde höchstens bei dieser AC/DC-Nummer („Huppelrock”, Anm.), die wäre eigentlich die ganze Zeit so dahingegangen. Wir haben sie ausgefadet und wieder eingefadet und in der Mitte befinden sich diese Geräuschcollagen.

Oliver: Wirkliche Studioarbeit ist das eben leider Gottes nicht. Mir würde zum Beispiel vorschweben, das Medium CD wirklich als solches zu nutzen, anstatt einfach einen Live-Gig zu reproduzieren, was eh nie hinhaut und bei uns schon gar nicht. Aber das geht auch nicht, wenn man zeitliche und finanzielle Einschränkungen im Nacken hat, an die man dauernd denken muß. Wir wollen tatsächlich den Studioprozeß anders gestalten. Der war bisher immer extrem mühsam , nervend und energieraubend und nach allen Mühen kommt eigentlich doch nicht das raus, was wir uns vorgestellt haben und wir können nicht einmal sagen, aus welchen Gründen. Ich könnte mir vorstellen, daß die nächste CD eine Mischung wird aus Live-Aufnahmen, die wir wirklich manchmal so erwischen, daß sie auch soundmäßig viel besser sind als alles, was wir im Studio zusammenbasteln, dann aber auch tatsächlich Stücke, die im Studio realisiert werden. Hörstücke, Hörspielsachen…

Stichwort Theater: In den letzten Jahren habt ihr immer wieder mit der Theatergruppe im Ernst-Kirchweger-Haus zusammengearbeitet. Welchen Einfluß hat das auf Scrooge und im speziellen auf die neue CD gehabt?

Oliver: Die Theatersachen haben im Prinzip eher wenig Einfluß auf uns gehabt, weil das getrennt voneinander abgelaufen ist. Speziell bei der „Dreigroschenoper” und bei „Penthesilea” hat es ja schon eine Musik gegeben und es ging nur darum, die für andere Leute aufführbar zu machen und in einen Theaterkontext zu stellen. Das hat Scrooge nicht so direkt berührt. Ein Überbleibsel von den Sachen ist allerdings das letzte Stück auf der neuen CD, der „Rabenvogel”. Das war genau so eine Sache, wo, wie ich meine, der Text so stark ist, daß wir den auch draufnehmen und uns nicht dafür zu genieren brauchen. Der Text ist von Tina Leisch aus der Theatergruppe, die ihn auch gesungen hat. Sie hat ihn extra für „Penthesilea” geschrieben. Ich habe die Aufnahme, die wir für die CD zum Theaterstück gemacht haben, so furchtbar gefunden, daß ich sie rehabilitieren wollte, und das Stück paßt in den Scrooge-Kontext doch irgendwie hinein. Jetzt bin ich viel zufriedener damit.

Günther: Ich finde, bei diesem „Rabenvogel” ist uns etwas gelungen, das mir sehr gut gefällt: Eine Verknüpfung zwischen einem interessanten und guten Text und netter Musik, wie wir sie des öfteren selbst nicht schaffen. Die Musik trägt den Text und umgekehrt. Beides wird zu einer Einheit. Ich halte es für eines der interessantesten Stücke auf der CD. Wäre schön, wenn uns das öfters gelingen würde.

Ein Stück, das mir besonders gut gefällt, heißt „Abrechnung mit Winnetou”. Denkt ihr an eine Art Winnetou-Festspiele mit Scrooge-Musik im Kirchweger-Haus?

Günther: Ich war tatsächlich einmal bei den Winnetou-Festspielen in Gföhl. War ausgezeichnet. Hat aber nichts mit dem Stück zu tun, außerdem ist das nur eine Abkürzung. Der volle Titel lautet „Abrechnung mit Winnetou – Warum hat du mich nie geheiratet?”. Aber das war zu lang.

Oliver: Das war eher so ein Assoziationstitel, wo wir gesagt haben: He, der eine Teil klingt wie Winnetou-Musik! Aber wir haben schon einmal eine Biene-Maya-Adaption überlegt. Ein blutiges Gemetzel, wo natürlich die Thekla am Schluß gewinnt.

Apropos Biene Maya: Scrooge hat für mich immer – zumindest unterschwellig – einen Bezug zum Politischen gehabt, der sich unter anderem in eurem Engagement fürs Kirchweger-Haus ausdrückt. Sind die Inhalte durch die Hinwendung zu Soundtracks und InstrumentalÜber Mich für euch in den Hintergrund getreten?

Oliver: Das ist genau das, was ich vorher bezüglich der Texte gemeint habe. Ich finde, daß sich speziell in politischer Lyrik in der Musik die Inhalte derart nivelliert haben und mir ist eigentlich unklar, wie so eine politische Lyrik heute ausschauen sollte, obwohl sie mir wirklich sehr am Herzen liegen würde. Mich ärgert es immer wieder, wenn da irgendwelche saudummen Phrasen zu x-ten Mal gedroschen werden und diese Sachen dann das Etikett „politisch” kriegen, was sie meiner Meinung nach nicht verdienen. Es gibt im Vergleich zu früher keine politischen Richtungen mehr, für die politische Lyrik in einer Musik ein Träger sein könnte. Viele Gruppierungen, die so etwas wie eine Perspektive bieten könnten, zerschlagen sich, und wenn die nicht mehr da sind, macht es keinen Sinn mehr so etwas wie „Kampflyrik” zu verfassen. Und reflektierende Texte darüber zu verfassen, dafür sehe zumindest ich mich außerstande. Da ist es mir echt lieber, es machen wenige, und die machen es dafür kompetent.

Es kommt ja auch darauf an, wie man das „politische” definiert. Das kann Agitation für eine Bewegung sein, kann sich aber auch auf einer sehr persönlichen Ebene abspielen, wenn man da an Robert Wyatt denkt.

Günther: Das ist sicher eine Sache der Definition. Ich finde an dem Bezug zum EKH – oder allgemein zu einem besetzten Haus, wenn da jetzt eine Band spielt oder wenn man das gut findet, sich damit identifiziert oder mitmacht, nichts besonders Politisches. Für mich ist das noch lange kein Argument, uns als politische Band zu bezeichnen. Meine Beweggründe, Musik zu machen, sind sicher nicht vordergründig politischer Natur.

Bei der CD-Präsentation im Flex, das ja das erste Konzert nach längerer Pause war, hat sich herausgestellt, daß ihr eine treue Fangemeinde habt. Vom Zuschauerschwund bei Bands mit herkömmlichen Line-up, weil die Leute eher zu hippen Elektronik-Acts gehen, war an dem Abend nichts zu merken.

Günther: Das Interessante und gleichzeitig Erfreuliche war, daß ziemlich viele Leute, die normalerweise zu unseren Konzerten kommen, nicht da waren, dafür aber sehr viele Leute, die niemand gekannt hat. Das mit dem Zuschauerschwund merkt man, wenn man woanders in Österreich spielt, da kommt kein Schwein hin. Aber ich bin nicht so jemand, der über diese Situation jammert, daß Live-Konzerte im Moment nicht so ankommen. Ich glaube, das wird sich wieder ändern oder zumindest einpendeln.

Was für Aktivitäten planen Scrooge in nächster Zeit?

Günther: Am 13. Dezember spielen zusammen mit Dunaj im Kirchweger-Haus, davor auf einem Festival in Prag. Nächstes Jahr schaut es ganz gut aus für das legendäre französiche Avantgarde-Festival „Mimi”, möglich sind auch Tourneen in Italien und Frankreich. Eine neue CD planen wir im Moment nicht, vorher müssen wir die Schulden für „Cinematograph” abzahlen. Die CD wird übrigens in Österreich von Hoanzl vertrieben, fürs Ausland nimmt uns Recommended Rec. einen Teil der Auflage ab, für Amerika gibt es auch einen Vertrieb. Insgesamt klappt der Vertrieb also viel besser als bei der ersten CD!

Oliver: Im Gespräch ist auch, die Filmsoundtracksachen wieder zu intensivieren, speziell die Zusammenarbeit mit TNT-Prouctions im EKH.

Noch einmal zurück zur CD: Zu den einzelnen Stücken gibt es ja nicht viel Information auf dem Cover. Habt ihr noch eine Hintergrundstory zu einem Stück parat?

Oliver: „Found A Flat” war schon auf unserer ersten Kassette und auf der ersten CD drauf. Diesmal ist es wieder in einer anderen Variante vertreten. Der rückwärtslaufende Gesang ist der Refrain von der Originalversion. Uns hat fasziniert, wie diese verkehrte Melodie die Wirkung des Stückes verändert und trotzdem in diesem kammermusikalischen Kontext eingepaßt bleibt. Deswegen haben wir den Titel auch beibehalten. Wir haben jetzt auch vor, eine Art Subserie zu starten, indem wir auf jede Veröffentlichung von uns eine Version von „Found A Flat” drauftun, die immer irgendwie auf das alte Material zurückgreift, aber jedes Mal verfremdet und zu etwas Anderen gemacht wird.