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Wye Oak: Tradition und Vergänglichkeit, refrainlos. —

Angeblich gehört Baltimore zu den gefährlichsten Städten der USA. In den amerikanischen Verbrechensstatistiken hat die Stadt einen Stammplatz  in den Top Ten.  Hier lebte und starb Edgar Allen Poe. Auch bei Wye Oak, dem Frau/Mann-Duo aus Baltimore, wird den Themen Tod, Trauer und Vergänglichkeit einiger Platz eingeräumt. Das Grauen ist aber durchaus ansprechend verpackt. (Artikel erschienen im Skug #87, Juli 2011)

Live im Wiener Chelsea sorgen Wye Oak für einen intensiven Abend. Jenn Wasner, Sängerin und Gitarristin, wirkt aufgekratzt und stürzt kurz vor dem Auftritt noch ein paar Whiskys in sich hinein. Andy Stack bearbeitet mit der rechten Hand Schlagzeug, während er mit der linken auf einem Keyboard die Basslinien spielt – beeindruckend anzusehen und eine gute Möglichkeit Personal zu sparen. Bieten die 3 Wye-Oak-Alben mit ihren Streichern, Synthesizern und diversen Geräuschfetzen klangliche Vielschichtigkeit, verzichtet die Band auf der Bühne komplett auf etwaige Soundeinspielungen:  keine backing tracks, kein Notebook weit und breit und auch keine zusätzlichen Gastmusiker. Trotzdem ist der Sound verblüffend dicht und wuchtig. Wasner’s Gitarre atmet den Geist von Neil Young, einer ihrer frühen und nachhaltigsten Einflüsse. Sie ist Cortez der Killer und das Cowgirl in the Sand in einer Person. Das Chelsea ist gut besucht, offenbar eilte ihnen schon ein gutes Presseecho voraus. Jenn freut sich über den Zuspruch. Sie erwähnt, dass sie heute mit ihrem Freund Schluss gemacht habe, es sei ein seltsamer Tag, ihr ginge es beschissen, aber sie hat ja die Musik, … und man möge ihr bitte noch einen Whisky bringen.  Blöderweise sind die meisten Songs, die sie singt, traurig; Tränen tropfen von der Bühne. Der Musik und der Stimmung im Publikum tut das keinen Abbruch, Wye Oak spielen sich in einen Rausch.

Andy Stack und Jenn Wasner, kennen sich schon seit ihrer Kindheit. Andy hat sie in seine damalige Band als Keyboarderin geholt. Im Lauf der Zeit stellte sich heraus, dass die beiden sehr gut harmonierten und sich perfekt ergänzten, und sie begannen als Duo zu arbeiten. Ihr erstes Album If Children aus 2008 brachten sie noch unter dem Namen The Monarchs in Eigenregie heraus und bewarben es selbst im Internet über Blogs. So wurde das Label Merge Records auf sie aufmerksam, das unter anderen auch die Magnetic Fields und Arcade Fire unter Vertrag hat, und sie veröffentlichten If Children nochmals unter dem neuen Bandnamen Wye Oak.

Der Name kommt von einer alten Eiche, einem Wahrzeichen von Maryland. Er war fast 500 Jahre alt und einer der größten und ältesten Bäume dieses amerikanischen Bundesstaates. Andy und Jenn besuchten den Baum in ihrer Kindheit gerne, für sie stand er für Natur, Beständigkeit und Heimatverbundenheit. Und steht wohl letztlich auch für Vergänglichkeit und Scheitern, denn 2002 fiel der Baum einem Sturm zum Opfer. Ihre teils wunderschönen Balladen in der Tradition amerikanischen Folkrocks werden immer wieder durch laute, gitarrenlastige, mitunter dissonante Passagen unterbrochen, denn auch Indie-Grössen wie Pavement, Sonic Youth und die Pixies haben Spuren in der Musik der Band hinterlassen.

Trotz hörbarer Referenzen widersetzt sich das Duo mittlerweile erfolgreich allzu platter Schubladisierungen. Mit Americana oder Dreampop hat man es schon versucht, aber dafür ist der Lärmanteil zu hoch, gegen Shoegaze spricht der hohe Anteil an Folk-Balladentum und das mitunter gedrosselte Tempo. Am ehesten kann sich Jenn Wasner noch mit dem Begriff Noise-Folk anfreunden, wenn es denn unbedingt eine Schublade sein muss.

Wye Oaks zweites Album, The Knot aus dem Jahr 2009, wies den Weg in die Eigenständigkeit. Mit For Prayer und Mary is Mary finden sich hier schon kleine Meisterwerke, die auch heute noch ihren Fixplatz im Live-Programm haben.  Ihr aktuelles Album Civilian  ist ein weiterer grosser Schritt nach vorn. Erstmals haben sie sich mit John Congleton einen erfahrenen Produzenten geholt. Der ist Mitglied bei The Paper Chase und hat sich Indie-Kreisen mit Produktionen für Modest Mouse, The Thermals und Explosions in the Sky (um nur einige zu nennen) längst einen Namen gemacht. Civilian ist das bis dato ausgereifteste Wye Oak-Album und hat mit dem Titelstück auch einen veritablen Hit anzubieten. Und das ganz ohne Refrains.

Refrains – im Sinne sich regelmässig wiederholender Textzeilen, sind in den Wye-Oak-Songs überhaupt nur selten zu finden. Stattdessen wickelt Sängerin Jenn Wasner ihre Texte gern in sich ständig wiederholenden, hypnotisch und affirmativ wirkende Melodieschleifen ein. Für Wasner ein Rezept, um  Distanz zu ihren eigenen Emotionen zu bekommen, um sie kritisch sezieren zu können. Das führt zu einem gewissen Ian-Curtis-Effekt, bei dem es ja gerade dieser beinahe apathisch wirkende Ausdruck im Gesang ist, der den Gänsehaut-Effekt herbeiführt. Und für eine durchwegs melancholische Grundstimmung sorgt.

So beginnt das Album Civilian mit der Zeile „Two small deaths happened today“. Jenn Wasner schrieb das Stück an dem Tag, als Alex Chilton starb und fast gleichzeitig ein entfernter Verwandter von ihr ermordet wurde (Baltimore!). Eine Reflexion über die Vergänglichkeit des Lebens. Das Titelstück Civilian handelt von Einsamkeit und dem Scheitern von Beziehungen: „I’m perfectly able to hold my own hand, but I still can’t kiss my own neck“. Das Stück Holy Holy ist aus massiven Gitarrenwänden gezimmert, und das Minidrama Plains ist so etwas wie der balladeske Höhepunkt des Albums. Mit dem getragenen Schlusssong Doubt schließlich ließ man das Album bewusst offen und unentschlossen enden. Für Jenn Wasner steht er für die Unsicherheit und den ewigen Zweifel, die man in seinem eigenen Tun verspürt.

Diskografie:
If children (2008)
The Knot (2009)
Civilian (2010)
Alle:  Merge Records/Hoanzl


Kategorien: Musik

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