ROHDATEN

Ronald Hartwig's Datenverarbeitungen

“Wir machen nie irgendwelche Pläne” – Die Sugarcubes in Wien

Die Sugarcubes, vorige Woche als Ersatzband zu Big-Beat geladen, stießen auf heftiges Publikumsinteresse. Ronald Hartwig beobachtete das Treiben der Isländer..

(erschienen Juni 1989 im Falter)


Bjoerk, der Traum des Independent-Wavers? Die Vorstellung könnt ihr euch abschminken. Ich meine, sie ist eine sehr nette Person, aber wie sie beim Soundchkeck im Sportdress Turnübungen vollführte, mit kurzgeschorenem Haar, oder backstage pfeifend herumhopste, da versprühte sie eher kecken Lausbubencharme, als ein Objekt feuchter Begierde zu sein. Beim Konzert streifte sie gar Am-Dam-Des-Niveau. Ansage Bjoerk: “You know this little insect called bee? It goes bzzzz…(schwirrt herum wie eine Biene). The next song ist about that!“. Immerhin ist sie so ihrem Klischee entronnen.

Das Konzert war stellenweise gut, doch scheint sich unter dem neuen Material kein zweites “Birthday” zu befinden. Unerträglich war das Jahrmarktclown-Gehabe zwischen den Songs, besonders des zweiten Sängers Einar. Seine Waldheim-Schmähungen in Ehren, doch als er das Publikum zum Mitgröhlen eines isländischen Disco-Songs aufforderte (“Dingalingaling, everybody sing“), war das Maß endgültig voll. Wenn das echte Eskimo-Mentalität sein soll, ziehe ich doch den Genuß eines Twinni-Eislutschers vor.

Ein wenig Ernüchterung tut Not, hätte aber wahrscheinlich für alle Beteiligten reinigende Wirkung angesichts der gigantischen Medienhype, besonders der britischen Presse, die die Sugarcubes ohne Umschweife zu Independent-Göttern ernannt hatten. Aus so einer Position heraus tut sich niemand leicht. Dennoch sind die Sugarcobes etwas Besonderes und ein Bereicherung, obwohl – oder vielleicht gerade weil – sie die Welt aus ihrer Kinderwagen-Punk-Perspektive sehen.

Sänger und Trompeter Einar Benediktson beantwortete im Anschluß an das Konzert einige Fragen.

Das Debut-Album ist jetzt schon gut ein Jahr alt. gibt es bald ein neues?

BENEDIKTSON: Ja, wir sind gerade mit den Aufnahmen fertiggeworden. Das Album wird im September herauskommen und heißt “Here today, tomorrow next Week”.

Sind Sie sich der Erwartungen, die auf sie zukommen, bewußt?

BENEDIKTSON: Wir sind uns dessen bewußt, aber das ist das Problem der Kritiker. Ich jedenfalls erwarte mir gar nichts von uns. Wir denken nicht drüber nach, wo wir da hineingeraten sind und in welche Richtung es weitergehen könnte. Wir machen nie irgendwelche Pläne.

Die letzte LP war ganz in Englisch gehalten. Wird es auf ihrem neuen Album wieder Stücke in isländischer Sprache geben?

BENEDIKTSON: Wir haben das Album sowohl in Isländisch als auch in Englisch aufgenommen.

Ihre Musik scheint viel mit Sex zu tun zu haben.

BENEDIKTSON: Sex und Erotik wird oft mit Pornografie verwechselt. Aber wir sind keine Porno-Band! Wir betrachten Sex auf eine sehr positive Art und Weise. Wir akzeptieren einfach, daß das in unserem Leben eine wichtige Rolle spielt. Es hat etwas mit dem Schaffen zu tun, und wir glauben, daß wir neuartige Musik schaffen. Aber wie fickt man in der Musik? Wir könnten nie sagen: I love you. I was driving the whole night through just to meet you and make love with you.

Ihr Verhältnis zur Sexualität scheint etwas seltsam zu sein. Glauben Sie, daß das nur uns Mitteleuropäern so vorkommt?

BENEDIKTSON: Unsere Kultur ist so viel kleiner. Wir haben den Vorteil, daß wir in einer sehr kleinen Gemeinschaft leben. Dadurch wissen wir, was es heißt, jemandem sehr nahe zu sein.

Und was sind die Nachteile der isländischen Gemeinschaft?

BENEDIKTSON: Der einzige Nachteil ist, daß du das Land verlassen mußt, um andere Menschen zu treffen.

Wir haben hier von dieser isländischen Poetentradition gehört, die sich stark von der Literaturszene hierzulande unterscheidet. Wie ist es wirklich?

BENEDIKTSON: Innerhalb der Band sind nur Thor und Bragi anerkannte Poeten. In Island kann jeder ein Poet sein, es gibt aber sehr viele schlechte und sehr wenige gute. Bjoerk und ich sehen uns nicht als solche. Wir schreiben einfach unser Zeug und singen es. Wir machen uns aus allem unseren Spaß, auch aus uns selbst. Nichts ist uns heilig. Wir machen diese Tournee, obwohl wir noch keine Platte zu promoten haben. Und wir spielen Songs, die wir eigentlich nicht spielen sollten, weil sie so peinlich sind.