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Ronald Hartwig's Datenverarbeitungen

Traurig und Gefährlich – Ein Interview mit Dirty Three

Exisitert Europa? Warren Ellis, australischer Geigen-Derwisch mit dem Temperament dreier ausgewachsener ungarischer Csardasfürsten, hat es nicht geglaubt, bis er es sah. Um eine Erfahrung reicher, läßt er seitdem keine Gelegenheit aus, hier zu spielen, sei es mit den Dirty Three oder als Gastmusiker bei Nick Cave & The Bad Seeds. Und wenn er spielt, tropft neben Herzesblut auch schon mal richtiges Blut von der Bühne, da muß man schon in Kauf nehmen, daß der Wechsel von C-Dur zu E-Moll mitunter zu einem Rippenbruch oder einer zerschnittenen Hand führt. Alles halb so schlimm, solange eine Flasche Brandy in Reichweite ist.

von Ronald Hartwig. Erschienen im SKUG, Dezember 1996


Wer glaubt, daß langjährige Szenepräsenz und Altes-Hasentum zu einem Verlust an empfundener Rock`n`Roll-Romantik bzw. verminderter Ungestümheit führt, wird hier eines Besseren belehrt: Warren Ellis, Mick Turner und Jim White aka The Dirty Three spielten in den letzten zehn Jahren bei fast allen australischen Independent-Bands, die auch bei uns Rang und Namen haben: The Bad Seeds, Robert Forster, Venom P. Stinger, the Moodists, Kim Salmon sind nur einige davon.

The Dirty Three führen vor, wie man mit einem minimalen Konzept (Drums/Gitarre/Geige) ein Maximum an Intensität – und Konsensfähigkeit über Stilgrenzen hinweg – erzielen kann. Oder, um den Rolling Stone zu zitieren: “Mit denkbar einfacher Instrumentierung schaffen sie Soundscapes von panoramaartigen Ausmaßen. Die Songs sind in einem wunderbaren Schwebezustand gehalten. Ländlickeit, Urbanität, Archaismus und Avantgarde gehen hier gut zusammen, Country wird mit verschiedenen Formen experimenteller Pop-Musik versöhnt.” Besser kann ich es auch nicht beschreiben.

Beim Konzert phantasiert, improvisiert, deliriert Ellis vor jedem Song eine Geschichte voller Tragik und schwarzem Humor. Keine einzige davon handelt von einem Pferd. Das Pferd als Metapher für Wildheit und Freizügigkeit? In den Dirty-Three-Songs ist es dem Hörer überlassen, sich seine eigene Story zurechtzuzimmern.

Das Interview mit Ellis führte ich zusammen mit Florian Horwath in der Garderobe des Chelsea, nach einem intensiven “Soundcheck”, bei dem man sich nichts schenkte – schon gar nicht bei der Leonard-Cohen-Coverversion. Warren trug einen dicken Verband an der rechten Hand, aber das ist eine andere Geschichte…

Skug: Eine Instrumentalband nennt ihr Album Horse Stories. Mögt Ihr einfach die absurde Idee oder gibt es wirklich zu jedem Stück eine Geschichte?

W.E.: Oh ja, hinter jedem Song steckt eine persönliche Geschichte. Horse Stories ist das persönlichste Album, das wir je gemacht haben. Wir haben in den letzten zwei Jahren ziemlich viel getourt und das reflektieren wir auf dem Album. Es war verdammt schwierig, es zu machen, denn es war das erste, von dem wir wußten, daß es veröffentlicht wird. Unsere erste Platte Sad and Dangerous wurde in Mick`s Schlafzimmer aufgenommen, aus den Proben wurde mehr oder weniger das Album. Es hat uns 20$ gekostet und war praktisch das erste Mal, daß wir die Songs überhaupt gespielt haben. Für das Neue hatten wir fünf Tage Zeit. Bei der Hälfte resignierte unser Produzent und ich lief davon. We were really fucked up. Wenn es klingt, als würde ich in einem Song umfallen, dann ist das auch geschehen.

Skug: War es der Druck, der auf Euch lastete?

W.E.: Ja, das auch. Wir haben das ganze letzte Jahr hindurch in Europa und den Staaten getourt, dann kamen wir zurück nach Australien und tourten weiter. Stell Dir das vor: Jeden Tag ein anderer Ort, ein anderes Bett. Ich habe sowas noch nie vorher gemacht und war einfach ausgepumpt. Als wir dann die Platte aufgenommen haben, wurde ich mit meiner Rolle nicht mehr fertig. Ich hatte eine Art Nervenzusammenbruch, saß einen Nachmittag lang im Stiegenhaus und konnte mit mir nichts mehr anfangen. A Friend talked me out of it. Dann erst konnten wir die Platte fertigmachen.

Skug: Du hast ja schon beim Soundcheck gespielt, als ginge es um Dein Leben. Auch beim Hören der CD denkt man sich: klingt ja sehr schön, aber eigentlich sollte man es live erleben.

W.E.: Oh ja! Ich kann mich erinnern, als unser zweites Album rauskam und in Europa und Amerika herumgeschickt wurde, sagten die Leute yeah, its great but I don`t really get it. Dann kamen wir auf Tour und die Leute schienen erst zu verstehen, was wir machen. Wir waren immer eine Liveband.

Skug: Improvisiert Ihr viel auf der Bühne?

W.E.: Gewisse Sachen wie z.B. Dynamik. Als wir anfingen, improvisierten wir viel, wir konnten die Songs auch nicht so gut spielen. Aber wir mögen es nicht, rauszugehen, und einfach einen neuen Song zu machen. Dadurch, daß wir soviel spielen, entwickeln sich die Dinge, wird alles fixer und strukturierer.

Skug: Die Stücke klingen, als wären sie aus Improvisationen entstanden. Kommt es auch mal vor, daß jemand bei einer Probe mit einem fertigen Song daherkommt?

W.E.: Wir proben so gut wie nie. In den letzten vier Jahren insgesamt ungefähr zehn Mal. In diesem Jahr hatten wir schon zwei Proben, was für uns so etwas wie ein Rekord ist. Die Stücke kommen meist bei den Soundchecks zustande. Jemand hat eine Idee und wir arbeiten gemeinsam daran.

Skug:Erzähl über die Anfänge der Dirty Three. Wie ist es überhaupt dazu gekommen?

W.E.: Ich habe damals mit Kim Salmon gespielt. Ein Freund von mir hatte ein Hotel gekauft und wollte dort etwas Hintergrundmusik. Also studierte ich mit Jim und Mick in meiner Küche in 30 Minuten 5 Songs ein. dann gingen wir rüber ins Hotel und spielten dort zwei Stunden. Die Leute mochten es, fragten, ob wir wiederkommen. So fing es an.

Skug: War es für Euch von Anfang an klar, daß Ihr keine Lyrics verwendet?

W.E.: Ja. Kim Salmon, Robert Forster und Nick Cave haben bei uns Gastauftritte gehabt, aber wir selbst haben nie an Lyrics gedacht. Wir konnten anfangs keine Platten herausbringen, weil wir keinen Sänger hatten. Die Labels sagten:”Sucht Euch einen Sänger, dann werden wir weitersehen!” Es boten sich auch einige Leute an, Texte für uns zu schreiben, aber es war schwierig, das alles zusammenzubringen und es wären dann auch nicht die Dirty Three gewesen, wie wir sie uns vorstellten…

Skug: …und jetzt seid Ihr erfolgreicher als viele australische Bands mit Sänger.

W.E.:Findest Du? Ich weiß nicht. Musik ist für mich nur, was du an Befriedigung zurückkriegst. Ich bin froh, daß wir herumfahren und spielen können. Die Leute scheinen uns zu mögen, kommen, um uns zu sehen. Ich denke bei Musik nicht in Erfolgskategorien. Es ist kein Wettbewerb oder so. Ich glaube, es gab in den frühen Achzigern eine Periode, in der viele australische Bands fantastische Musik machten. Dann kam Dance Music auf und die Leute gingen nicht mehr zu Live-Konzerten. Außerdem warten die Bands in Australien immer darauf daß ihre Platten in Übersee entdeckt werden, weil sie so isoliert sind. Von uns gab es anfangs nur eine kleine Auflage unserer ersten Platte in den USA zu kaufen. Dann habe ich auf Nick Cave`s Murder Ballads mitgewirkt und die Bad Seeds haben uns eingeladen, in Griechenland und Israel als Vorband zu spielen. Letztes Jahr waren wir zehn Monate auf Tour, spielten sechs Nächte in der Woche, hatten fünf Dollar pro Tag. Wir wurden dann von vielen Bands unterstützt: Pavement, Sonic Youth, die Bad Seeds. Wir sind glücklich, daß die uns geholfen haben. Es gibt wirklich ein großartiges Netzwerk an Musikern überall.

Skug: Übrigens,… was ist mit Deiner Hand passiert?

W.E.: Vor drei Tagen spielten wir in einer Bar in Laibach. Es war so voll, daß die Barleute über die Bühne gehen mußten. Ich habe gerade mit dem Rücken zum Publikum gespielt und bin herumgesprungen, da ging ein Kellner vorbei mit einem Haufen Gläsern. Ich schlug auf ein Martiniglas und schnitt mich an drei Stellen. ich dachte, ich hätte auf den Mikrofonständer geschlagen und spielte den Song zuende. Dann erst bemerkte ich, daß alles voller Blut war. Man brachte mich in ein Laibacher Spital und ich wurde genäht. Dann kam ich zurück und beendete das Konzert. Die erste Reihe war getränkt in Blut, genauso wie Jim`s Drumkit. Sieh her, es ist immer noch auf meinem Hemd, ich habs noch gar nicht gewechselt.

Skug: Und jetzt bist Du wieder OK?

W.E.: Ja. als ich zurückkam um zu spielen, hatte ich diesen Adrenalinstoß. Ich hab gar nicht mehr dran gedacht und mich mit den Anderen angetrunken. Als ich am nächsten Morgen aufwachte, sah meine Hand ziemlich schlecht aus, also trank ich eine Flasche Brandy, und am Abend spielten wir wieder. Wir hatten eine gute Show letzte Nacht! Jetzt geht es mir besser. In acht Tagen krieg ich die Fäden raus. Ich mußte in München ins Spital, weil jemand glaubte, ich hätte einen Herzkollaps. Ich spürte einen Schmerz in meiner Brust und wurde blaß. Aber der Grund war ein Anderer: Vor drei Jahren hatte ich einen Rückwärtssalto auf der Bühne gemacht und war auf dem Monitor gelandet. Ich hatte mir eine Rippe gebrochen und einen Nerv eingeklemmt. Das hat den Schmerz in München verursacht. Aber jetzt bin ich wieder bei bester Gesundheit.

Skug: Klingt, als würden wir einen Stuntman interviewen.

W.E.: Ja, wie Evel Knievel! Es war schon etwas komisch, als ich dem Arzt gesagt habe, daß mir das beim Geigespielen passiert ist. Er sagte: Das spielt man doch im Sitzen. Aber ich halte das nicht aus, ich muß dabei stehen.

Skug: Wie sehen Eure Zukunftspläne aus?

W.E.: Auf unserem Album ist eine Coverversion eines griechischen Songs namens I remember a time when once you used to love me. Ich glaube, es ist ein Volkslied, aber ich habe eine Version von einer Sängerin namens Aletta in Athen gehört. Wir sind mit ihr in Kontakt getreten, denn wir wollen den Song noch einmal mit ihr aufnehmen. Es gibt noch eine andere Übersetzung: I remember a time when you spoke my name and you won`t even look at my face. Aber der Sinn ist derselbe. It`s like when you get fucked down about love. Im nächsten Jahr werden wir dann unsere neue Platte aufnehmen. Im Oktober werden wir wahrscheinlich eine zeitlang in Wien leben. Wir machen die Livemusik zu einem Theaterstück von Werner Herzog namens Billy the Kid.