ROHDATEN

Ronald Hartwig's Datenverarbeitungen

Reviews für das SKUG 1996-2000


22 PISTEPIRKKO
Eleven
Clearspot/Ixthuluh

Seit ihrem 89er-Wurf “Bare Bone Nest” stolpere ich immer wieder über dieses eigenartige finnische Trio und staune über diese stimmige Pop-Melange, die die Band in kleinen Schritten nach und nach verfeinert. Da wird wieder einmal die Geschichte der “populär” genannten Musik geplündert, nenn es Blues, Soul, Rock`n`Roll, Brit-Pop oder spinnerte Finnen. Diese Band schweißt alles nahtlos zusammen und geht obendrein so beseelt zur Sache, daß obige Schubladen überflüssig werden.Ihr letztes Album mit Remixen von Leuten, die 22 Pistepirkko in irgendeiner Weise nahestehen, hat auf “Eleven” vielleicht insofern Spuren hinterlassen, als mehr mit Technologie gearbeitet wurde. Der Sound ist weniger trashig, die Qualität der Songs hat darunter aber kaum gelitten. Fast HipHop-artige Rhythmen paaren sich ?je nachdem ? entweder mit bösen Gitarren oder flirrendem Georgel, und darüber thront die Stimme von PK Keränen, die man vermutlich auch in einem Chor von hundert brüllenden Männern problemlos wiedererkennen würde.
22 PISTEPIRKKO
Zipcode
Strangeways/Polygram

Ein Jubiläum als Rechtfertigung für ein Remix-Album, Teil 135. Die Finnen 22 Pistepirkko gibt es nun 15 Jahre lang und gelten fast ebensolange als Geheimtip, den auch IHR endlich entdecken solltet, zum Teufel. Deren Mischung aus repetitiven, skelettartigen Minimal-Rock-Riffs, knappen Bubble-Gum-Refrains und flirrender Sixties-Orgel klingt zwar aufs erste Hinhören wenig spektakulär, entpuppt sich aber bald als in sich stimmiges Trash-Pop-Gesamtkunstwerk mit unverkennbarer Handschrift. Was auf “Zipcode” deutlich wie nie zuvor zum Vorschein kommt – dank den hier remixenden Geistesverwandten. Neben illustren Namen wie Martin Rev (Suicide), Peter Zaremba (Fleshtones) und Jimi Tenor kommen auch einige hierzulande unbekannte skandinavische Kollegen zum Zug und erweisen sich durch die Bank als geschmackssicher. Die Bandbreite reicht von ambient-artigen Soundschleifen über Atari-Low-Fi-Fleischwolf bis zur Veredelung zum Pop-Juwel. “We are excited about this Album”, vermeldet die Band lakonisch in den Linernotes. Ich auch.
APHEX TWIN
Richard D. James Album
Warp/RTD/Echo Zyx

Der endgültig anmutende Titel (The White Album? The Black Album?) täuscht hier: Ganze 33 Minuten liefert der Maestro. Die Kürze stört allerdings nicht, denn was vorliegt, zeugt dafür von umso größerer Dichte. Die hektischen Drumpatterns lassen an Drums & Bass denken, jedoch wird schnell klar, daß es ein Aphex Twin nicht nötig hat, sich dem Geschmack der Zeit anzubiedern. Süßliche, naiv anmutende Syntie-Melodien liefern einen gelungenen Kontrast zur Rhythmik. Vor allem aber gilt – und das ist das Wichtigste: Die Fähigkeit, die Hörerschaft durch gewagteste Breaks/Wendungen/Ideen von einem Takt zum anderen derart zu verblüffen, die beherrschen nur Wenige. Dashalb: der Godfather of Intelligent Electronic Music, prolongiert.
BAXTER
Same
Maverick/Warner Music

Das Konzept, Song-Versatzstücke in repetitive Strukturen zu betten und mit Breakbeats zu unterlegen ist zwar längst nicht mehr neu, führt aber mitunter immer noch zu hübschen Ergebnissen. Björk und Laika lassen grüßen, mit Baxter wird dieses Genre nun um einen schwedischen Beitrag erweitert. Ein renommierter Producer, ein angesehener Graphic Designer und eine Rock-Sängerin mit Vergangenheit bilden dieses Trio. Bei soviel angehäufter Erfahrung ist die Gefahr naturgemäß groß, vom “Garbage”-Syndrom der Überperfektion und des Reißbrettcharakters befallen zu werden, doch Baxter kriegen die Kurve und liefern ein immer geschmackvolles, manchmal mitreißendes Erstlingswerk ab. Den größten Verdienst hat wohl der leicht melancholische Gesang von Nina Ramsby, der dem Ganzen einen Frühachziger-Touch gibt (remember the Au Pairs?). Die gelegentlich eingesetzte Trompete liefert einen netten Kontrast dazu. Ansonsten dominieren Dub und Breakbeats, ein bißchen mehr Abwechslung hätte nicht geschadet, aber gut ist dieses Album auch so.
CHEMICAL BROTHERS
Surrender
Virgin

Britischer Indie-Rock und diverse technoide Tanzmusiken gehen hier eine scheinbar logische Ehe ein, das ganze kennt man als `Big Beat` und die Chemical Brothers gelten als die Begründer dieser Schublade. Möge “Surrender” genauso wie sein Vorgänger “Dig your own Hole” die Kids beglücken und die Hitparaden stürmen. Wieder wurde eine Reihe prominenter Gastsänger eingeladen, neben Noel Gallagher kommen Mercury Rev`s Jonathan Donahue und Hope Sandoval von Mazzy Star zum Zug. Herausragend – gemessen an den vielen lauen Momenten dieser CD – ist aber das von Bernard Sumner und Bobby Gillespie im Duett gesungene “Out of Control”, ein mitreißender, energiegeladener Track in bester New-Order-Tradition. Ansonsten gelingt es hier den Chemical Brothers nicht so recht, Ideenmangel durch geschicktes Klauen zu übertünchen.
DOUBLE NELSON
Indoor
Pandemonium Records

Double Nelson sind Anarchisten. Ihre Musik ist einzigartig, paßt in keine gängige Schublade und hat sich in den letzten zehn Jahren (seit der Veröffentlichung ihres Debut-Albums) auch nur marginal verändert. Simple, monotone Bassläufe, ein rumpelndes Schlagzeug (bzw. eine Drumbox) und ein undefinierbares Sammelsurium an Stimmen und Geräuschen sind die Grundzutaten. Damit wird eine Stimmung erzeugt, die wohl jeder Geisterbahn in den Luna-Parks dieser Erde gut zu Gesicht stehen würde. Wohlgemerkt: Keiner High-Tech-Geisterbahn, sondern eher einer mit “Flair”, also mit beschädigten Pappmascheeungeheuern und Wägen, bei denen der Lack abgeht. Musik für ironisch gebrochene Geisterbahnen gewissermaßen. Double Nelson sind Nomaden. Sie spielen ständig live und haben ihr Wohnzimmer immer dabei. Das Wohnzimmer steht auf der Bühne. Für ihr neues Album “Indoor” haben sie sich ausnahmsweise wirklich in ihre eigenen vier Wände (in Nancy/Frankreich) zurückgezogen, die Nacht abgewartet, das Licht ausgemacht, die Kopfhörer aufgesetzt und dann aufgenommen. Das hört man. “Indoor” ist mindestens so gut wie die vier anderen Double-Nelson-Alben, klingt aber – und das ist sein Manko – wie der Zwillingsbruder der vorhergehenden Platte “Le Grand Cornet”. Ein bißchen mehr Abwechslung würde nicht schaden.

ELECTRONIC
Twisted Tenderness
EMI

Eine weitere Folge der Serie “Was machen eigentlich unsere 80er-Jahre-Helden heute?”. Johnny Marr (Ex-Smiths) und Bernard Sumner (Ex-Joy Division, New Order) konnten sich nach sechs Jahren Sendepause wieder einmal zu einem Electronic-Album (dem dritten) aufraffen. Produziert hat Arthur Baker, seinerzeit gefragter Veredler von Disco-Fetzern. Der Bandname mutet heutzutage eher ironisch an, denn hier dominieren echtes Schlagzeug, rockige Gitarrenteppiche und ohrwurmartige Refrains. Ziel des Unternehmens dürfte also der obere Bereich der Charts sein, Freunde von Garbage und den Cardigans können sich auf neues Futter freuen. “Twisted Tenderness” ist ein unspekatkuläres, aber nicht unsympathisches Unterfangen, zumal der Frühsommer gerade die Gemüter wärmt. Nach öfterem Hören teilt sich das Album aber dann doch in zwei, drei Hits und längere kreative Durststrecken dazwischen. Es ist Bernard Sumners eindringlicher, beseelter Gesang, der viele Stücke aus dem Sumpf der Belanglosigkeit zieht.
B. FLEISCHMANN
Pop Loops for Breakfast
Charhizma

Start frei für ein interessantes neues Label: Nachdem sich Cristof Kurzmann vom Rhiz-Team getrennt hat, gründete er kurzerhand ein neues Label. Und diese unscheinbare CD mit der Katalognummer `charhizma 001` bildet einen würdigen Auftakt, dem schon bald mehr folgen wird. Soviel dazu. Bernhard Fleischmann`s Debut-CD ist zwar rein elektronisch generierte Musik, wirkt aber in seiner Aneinanderreihung schlichter, nackter, `wohlklingender` Harmonien eher wie eine Fortsetzung der Tindersticks mit anderen Mitteln. Gerade der sparsame Umgang mit Soundeffekten und Melodieschnipseln läßt dieser Musik ihren Raum, ohne jemals den Verdacht der Prätentiosität aufkommen zu lassen. Es entsteht eine Athmosphäre zwischen Glück, Melancholie und Müdigkeit, die in ihrer Unaufdringlichkeit dem Ambient-Gedanken verpflichtet scheint und die Fleischmann selbst im Albumtitel auf den Punkt bringt: Musik fürs Frühstück. Dabei balanciert er gefährlich nahe an der Grenze zwischen Schönheit und Kitsch, kriegt aber letztendlich ebenso die Kurve, wie es im Vorjahr Air mit ihrer `Moon Safari` geschafft haben. “Pop Loops for Breakfast” spiegelt damit eine leise Tendenz der Elektronica wider, die auch beim unlängst zu Ende gegangenen Phonotaktik 99-Festival in Wien spürbar war: weg von Experiment und Entdeckertum, hin zu einem naiven, intuitiven Umgang mit der Maschine, zu unmittelbar erlebbarer Musik. Man könnte auch sagen: ein neuer Konservatismus hält Einzug. Ich finde das schon in Ordnung.
THE GIST
Embrace the Herd
Rykosdisc

Wiederveröffentlichung eines zu unrecht vergessenen Juwels aus 1983: The Gist war die von den Brüdern Stuart und Philip Moxham initiierte Nachfolgeband der Young Marble Giants. Die wiederum setzten Anfang der achtziger Jahre Maßstäbe auf dem Gebiet des naiven Low-Fi-Minimal-Songwritings und werden heute noch gerne von Leuten wie Will Oldham(Palace) oder Lou Barlow(Sebadoh) als wichtiger Einfluß genannt. “Embrace the Herd” unterscheidet sich stilmäßig nicht wesentlich von den YMG-Werken: Bizarr anmutende Instrumentals wechseln sich mit von klarem Gesang getragener Songminiaturen ab, die Arrangements könnten sparsamer nicht sein und Stuart Moxham erweist sich auch 15 Jahre später als hochtalentierter Songschreiber. Wirklich besonders an dem Album ist das Vorhandensein eines echten HITS, der das Zeug zum All-Time-Klassiker hat: “Love at first Sight” sind dreieinhalb Minuten, in denen die Sonne aufgeht und die einer Neuinterpretation harren, die Herrn Moxham endlich reich macht.
GRASSHOPPER AND THE GOLDEN CRICKETS
The Orbit Of Eternal Grace
Beggar`s Banquet/Connected

Während die amerikanischen Psychedeliker Mercury Rev eine schöpferische Pause einlegen, pflegt deren Gitarrist Grasshopper zusammen mit der Flötistin Suzanne Thorpe dieses kleine Nebenprojekt. Flöte, Glocken, Mellotron und akustische Gitarre erzeugen eine hippieske Athmosphäre, die immer wieder von elektronischen Gerätschaften gebrochen wird. So entsteht ein eigenwilliges Puzzle, das in seinen stillen Momenten an Julian Cope, in seinen monotonen Momenten an Suicide gemahnt. Und wenn es rockig wird, könnte es sich durchaus um Mercury-Rev-Outtakes handeln. “The Orbit of Eternal Grace” ist gut, wenn die sechziger Jahre auf die Gegenwart prallen, und eher schwach, wenn Sänger Grasshopper den Sugar Mountain erklimmt und allzu süßlich säuselt.
TERRY LEE HALE
Leaving West
Glitterhouse/Ixthuluh

Terry Lee Hale ist einer, den man hierzulande als “graden Michl” bezeichnen würde. Der US-Songwriter, der sich nun in Europa niedergelassen hat (“Leaving West” ist also durchaus wörtlich zu nehmen), beehrt uns regelmäßig mit sympathischen, herzhaften Live-Performances und empfindungsreichen, meist autobiographischen Geschichten in Songform. Wenn auch manches etwas bieder klingt und Mr. Hale mitunter nicht mit Altersweisheiten geizt (“It took me 42 Years to write this song”), besitzen seine Stücke doch eine eigene Qualität. Auffallend ist, daß sich immer mehr europäische Einflüsse in den Country-Folk-Kontext mischen. Auf “Leaving West” präsentiert sich der Songwriter in konstant guter Form. Komplett mit Akkordfolgen für jeden Song für das private Lagerfeuer.
ICH SCHWITZE NIE
Träume der Sehnsucht
No Man`s Land/Trost

Kühne Behauptung als Bandname, ein ebenso strenges wie lustbetontes Konzept als Vorgabe. Das Berliner Trio widmet sich fast ausschließlich dem Seemannslied und öffnet ihm völlig neue Dimensionen: Da wird die Kläglichkeit großer Gefühle schonungslos freigelegt, ohne die ihr innewohnende Romantik zu zerstören. Der Schlager wird zu Müllhalde, auf der es viel zu recyclen gibt, dem Gerümpel werden die scharfen Ecken und Kanten, das es mittlerweile bekommen hat, nicht genommen. Da scheinen ein bißchen die frühen Einstürzenden Neubauten durch, da kommt es zu absurder Jazzimprovisation im Helge-Schneiderschen Sinne, da treten Hans Albers und Freddy Quinn höchstens als Zombies in Erscheinung. Songs wie “Es war ein Mädchen und ein Matrose” oder “Abends wenn der Wind übers Meer weht” tragen ihre Tiefe ja bereits im Titel herum, es bedarf der Relativierung, und das geht vielleicht nach einer Portion “Mövenschiß”(4 cl Korn, 20 g gekörnte Leberwurst) etwas leichter. Markantester Ausritt in andere Gefilde ist übrigens “Los Paul”, eine ruppige Coverversion von Trio. Was gibt?s sonst noch zu sagen? Ich Schwitze Nie verwenden Schlagzeug, Gitarre, Trompete, Cello und ein bißchen Elektronik. Dreh- und Angelpunkt der Stücke ist aber Lars Rudolfs charaktervoller (Nicht-) Gesang. Originelles Album!


 

JACKNIFE LEE
Muy Rico!
Virgin

Jacknife Lee war einst Gitarrist der irischen Punkband “Compulsion”, heute bedient er sich eines Ersatzteillagers aus Tanz-, Party- und Cocktailmusik der letzten vier Jahrzehnte und bastelt daraus – ähem – zeitgemässe Tanz-, Party- und Cocktailstücke. “Muy Rico” ist leichte Musik zum mitshaken und smalltalken, immer “groovig” und “fröhlich”. Du kannst auch Easy Listening dazu sagen, anders als bei Curd Duca kannst du es hier aber auch wörtlich nehmen.
JETCORDER
4-track-EP
Eigenverlag

Gitarre, Bass und Elektronik sind die Ingredienzien dieses Salzburger Instrumentaltrios. Auf Tanzbarkeit und eine funky/jazzy Grundstimmung wird Wert gelegt, die staubtrockene Produktion kontrastiert dabei gut mit den zum Teil bizarren Harmonien und Soundeffekten. Stellenweise wirken die Tracks wohl ein bißchen beliebig, für ein erstes selbstproduziertes Lebenszeichen geht diese EP aber durchaus in Ordnung. Kommt in hübscher selbstgemachter Verpackung und kann per E-Mail bestellt werden unter jetcorder@hotmail.com.
KRAMER
Let Me Explain Something To You About Art
Tzadik

Die “Radical Jewish Music”-Serie von John Zorns Tzadik-Label geht in die nächste Runde. Kramer, kongenialer Kollaborateur in Bands wie Shockabilly, Butthole Surfers und Bongwater bzw. selbst Label-Betreiber, hat sich den Prozeß des Alterns zum Thema genommen. In drei 15-20minütigen Tracks erzählen alte Leute aus ihrem Leben, wann wer von den Angehörigen gestorben ist usw. Dementsprechend traurig und bedrückend ist die Grundstimmung der Musik, die durch das Geigen- und Akkordeonspiel von Deni Bonet noch unterstrichen wird. Kramer erzeugt dazu mit Sampler und Tapes monotone, an die Minimal Music angelehnte Strukturen, die, in Analogie zum Leben, anfangs zügig dahintuckern, gegen Ende aber immer zähflüssiger werden und schließlich absterben. Harte Kost also, dennoch schwingt in dieser Musik immer so etwas wie sakrale Feierlichkeit mit. Ein sehr persönliches Album.
LASSOS MARIACHIS
Cuando Un Amigo Se Va…
Eigenverlag

Raoul Corona und Jorge Blanco nennen sich die beiden mit akustischen Gitarren bewaffneten Protagonisten dieser CD, die gemeinsam als “Lassos Mariachis” ins Scheiwerferlicht der Öffentlichkeit treten. Doch die Exotik täuscht, handelt es sich doch hier um zwei Exilgrazer mit ausgeprägtem Hang zu Mexikanismen, deren spanischer Wortschatz sich offensichtlich auf einige stehende Redewendungen wie “Margarita la bonita” oder “Vaya con dios, Jose” beschränkt. Der Rest der Texte wird in deutsch vorgetragen, und mit ihnen begibt sich das Duo auf eine krude Gratwanderung zwischen Kitsch und Romantik, zwischen Schlager und Ironie. Der schräge Gesangsstil, die quengelnden Gitarren sowie das Fehlen jeglichen anderen Instrumentariums unterstreichen den Charakter selbstbewußter Kläglichkeit mit hohem Unterhaltungswert. Lassos Mariachis haben sich ihre eigene Welt zusammengebastelt aus Samstagnachmittagswesternplots, geschundenen Kakteen und zernudelten Reisekatalogen, sie baden in billigen Gefühlen und kontrastieren diese im nächsten Moment durch absurde Wendungen. Man fühlt sich erinnert an den naiven Charme eines Jonathan Richman und an das notorische “Buenas Tardes Amigo” von Ween. Liebhaber grenzgenialen Schwachsinns bestellen die CD bei Roland Cresnar unter der Telefonnummer 01/52 68 560.
LICHTENBERG
Vacation
Klein Records

Glücklicherweise ist Lichtenberg aka Franz Reisecker ein Freund vielsagender Titel: Was draufsteht, ist auch drinnen. Der Erstling markierte noch eine Phase des Um- und Aufbruchs, der schöpferischen Zerstörung und des Austestens, wie weit man sich von seinen Wurzeln entfernen kann, ohne daß diese reißen – und hieß folgerichtig “Music For Refrehing The Systems”. Die neue CD trägt den Titel “Vacation” – und handelt genau davon. Genauer gesagt: Von einem Urlaub in Miami mit Besuch beim Musikerkollegen Curd Duca. Dementsprechend ausgeruhter und geschlossener klingt das Werk auch. Intro und Outro verwenden zwar noch den Methapher Mahlzeit (“aperitif” – “dessert”), scheinen aber doch eher Ab- und Rückflug zu meinen, bezogen auf eine Reise, auf der ein Haufen Eindrücke gesammelt wurde, die – geronnen zu Sounds – die Essenz dieses Albums bilden. Reisecker verzichtet diesmal weitgehend auf wüste Breakbeats, dafür schimmert wieder mehr das monotone Rock-Feeling später Mastalski-Stücke durch. Dennoch sind Reifung und Weiterentwicklung nicht zu überhören. Reisecker setzt seine Mischung aus elektronischem und akustischem Instrumentarium – in dem auch Gitarre und Gesang wieder ihren Platz finden – mit traumwandlerischer Sicherheit ein. Alle Stücke gehen nahtlos ineinander über, bewahren aber dennoch ihren ureigenen Charakter. “Animals from outer Space” mutet an wie eine Fortsetzung von “Rigoletto” (der Streicherteppich!), Stücke wie “Vacationist” oder “Candy” haben das Zeug zu Dancefloor-Hits. Trotzdem bleibt der Eindruck, daß das Ganze mehr ist als seine Einzelteile, daß hier vom Anfang bis zum Ende ein schlüssiges Konzept verfolgt wird und daß Silberscheiben, die den Namen “Lichtenberg” tragen, für eine Qualität bürgen, die aus dem allgemeinen Veröffentlichungswulst herausragt.
MEMBRAN
TV Show
Lûx.-Noi$e/Cargo

Von Yello und den Young Gods hört man heutzutage nur noch selten, die nächste Generation Schweizer Soundtüftler sitzt jedenfalls schon in den Startlöchern: Roli Roos und Felix Brem nennen sich Membran und loten die Grauzone zwischen kühlen, technoiden Sounds und beschwingtem Easy Listening aus. Ähnlich wie Air verwenden sie gerne Gitarre und Bass zur digitalen Gerätschaft und besingen ihre Tracks zum Teil. Das Ergebnis ähnelt dem, was die späten Cabaret Voltaire seinerzeit gemacht haben, und das meine ich durchaus positiv. “TV Show” ist nie hektisch, nie wirklich schnell, nicht trendy, eher ökonomisch aufgebaut und zielt auf eine gewisse Athmosphäre ab. Andererseits fehlt dadurch das gewisse Etwas, das es vom Nimbus der Hintergrund- und Berieselungsmusik befreit. Ein sympathisches, wenn auch ein wenig beliebiges Album.

MOUSE ON MARS
Niun Niggung
Rough Trade/Our Choice

Viel weiterzuentwickeln gibt es beim Kölner/Düsseldorfer Duo Mouse on Mars nicht mehr, war doch schon das Vorgängeralbum “Autoditacker” ein (fast) nicht mehr weiter auszureifendes Ding: Innovative Sounds und bauchlastiger Mitschunkelcharakter greifen logisch ineinander, Avantgarde hat selten so viel Spaß gemacht und Popmusik birgt nicht oft so viel Entdeckenswertes in sich. Auf “Niun Niggung” wird das grundlegende MOM-Konzept verfeinert und variiert, der erreichte Standard gehalten. An der Leichtfüßigkeit und (scheinbaren) Selbstverständlichkeit, mit der hier die Maschinen bedient werden, sollten sich Legionen von A-, E- und U-Musiker ein Beispiel nehmen – und sie tun es auch: MOM gehören längst zu einem wichtigen Einfluß speziell der deutschen Elektronikszene. Wirken Kraftwerk`s Roboter durch ihre sparsamen, ungelenken Bewegungen charmant bis sympathisch, beherrschen die Geschöpfe von Mouse on Mars bereits Breakdance, Bodenturnen und geistreiche Konversation in fortgeschrittenem Stadium.
MUM
Duke Cut
Klein Records

Hinter MUM verbergen sich die beiden wiener Studio-Tüftler Stefan Jungmair und Paul Schneider. Der Dancefloor scheint ihre Domäne zu sein, alle drei Tracks (plus Remix von “Duke Cut”) grooven zügig dahin und sind irgendwo in der Nähe dessen angesiedelt, was allgemein als “Der Wiener Sound” achiffiert. Also: kein House, kein Techno, kein D&B, aber von allem ein Bißl plus funky/jazzy Grundstimmung. Ich weiß, solche Beschreibungen haben Brechstangencharakter, seufz. Konklusio: Wertarbeit, wenn auch etwas unoriginell.
BEN NEILL
Goldbug
Antilles/Polygram

Wien, 3. Juli, bei einem Konzert des Jazzfestivals im Reigen: zwischen den Gigs von Bask und Carl Craig erklimmt ein unscheinbarer junger Mann mit einem verwinkelten trompetenartigen Ding die Bühne. Das Ding nennt sich ? wie ich später erfahren sollte ? “Mutantrumpet”, der Mann heißt Ben Neill und die Liveperformance wird zu Überraschung des Abends. Neill jagt jazzige, teils improvisierte Trompetenkürzel über MIDI durch diverse Effektgeräte, die Sequencer sind großteils auf rauhen Drum`n`Bass programmiert. Was auf der Bühne mitreißt, fuktioniert auf CD allemal. “Goldbug” ? benannt nach einem Computervirus ? läßt keinen Zweifel daran, daß hier ein Soundexperimentator mit Hang zur Improvisation seine Stücke auf dem Dancefloor hören will. Auf CD fällt auch eher der musikalische Vielfalt auf: neben D&B geben House- und Industrial-Beats den Rhythmus vor, das Blasinstrument sorgt dafür, daß “Goldbug” nie nach Meterware klingt. Namhaft sind die Gastmusiker, die auf dem Album mitwirken: Page Hamilton von Helmet, DJ Spooky aus der Illbient-Szene sowie DJ Krust, der einen Remix beisteuert. So gut kann die Sprengung von Stilgrenzen klingen!
CHRIS NEWMAN
New Songs Of Social Conscience/Six Sick Songs/London
No Man`s Land/Trost

Der in Berlin lebende Engländer Chris Newman ist eigentlich ausgebildeter E-Musiker, scheint aber ein ausgespochenes Faible für Kunst zwischen den Stühlen zu haben: Neben Musik zählen Malerei, Dichtung und Performance zu seinen Steckenpferden. Nur durch solche permanente Querdenkerei kann man wohl auf die Idee kommen, sich als Nicht-Sänger lediglich von einem Flügel begleiten zu lassen und in diesem Line-up eine Full-Length-CD zu machen (wenn sie auch eigentlich aus drei abgeschlossenen, in größeren Zeitabständen entstandenen Teilen bessteht). Die Stücke kann man getrost Songs nennen, hübsche, auskomponierte, harmonische Folkpop-Songs, wäre da nicht diese irritierende Spontanität des Sängers, seine dadaistischen Textausflüge, sein zur Methode geadelter Dilettantismus. So wankt dieses Werk zwischen Schönheit, Witz und Wahnsinn hin und her, wirkt zugleich faszinierend und verstörend.
NE ZHDALI & THE BILLY TIPTON MEMORIAL SAXOPHONE QUARTET
Pollo D`Oro
No Man`s Land/Trost, Hoanzl

Es begab sich im November 1993, daß sich die Europatouren von Ne Zhdali und BTMSQ in Amsterdam kreuzten. Man schloß Freundschaft und beschloß, zusammen ein Album zu machen. Drei Jahre später war es dann so weit: In Talinn/Estland kam es zu einer Aufnahmesession, in der man jenes “Goldene Huhn” gebahr, das jetzt auf CD vorliegt. Ne Zhdali`s anarchistische Mischung aus Punk-, Jazz- und Folk-Versatzstücken verträgt sich bestens mit den jazzigen, repetitiven Bläsersätzen des weiblichen Saxophonquartetts (featuring Ami Denio, Jessica Lurie). “Pollo D`Oro” ist weit mehr als eine relaxte Jamsession, hier wurde an Kompositionen gefeilt, bis sie funktionieren. Stilistische Eigenheiten der beiden Bands scheinen immer wieder durch, speziell der Hang der Esten zum Osteuropa-Folk, andererseits ist deren musikalisches Mikrouniversum schon so dicht, daß man dem hier immer schwerer mit Stilbegriffen beikommen kann. Fazit: Beide Bands in großer Form, harausgekommen ist ein schönes und durchaus auch leicht zugängliches Album.
OH.
Ecu
Virgin

Oh. ist ein bayrisches Quintett, das sich der semielektronischen Instrumentalmusik verschrieben hat. Synthesizer und andere Soundschnipsel werden in Echtzeit ins klassische Bandgefüge integriert. Dabei entstehen zügige, rhythmusbetonte, durchaus tanzbare Tracks mit leichtem Hang zum Jazz. Bands wie Can, Kreidler und Stereolab lassen grüßen, machen aber auch den Qualitätsunterschied deutlich: Hier mangelt es doch etwas an Originalität und unter der Oberfläche scheint sich nicht viel abzuspielen. Es stellt sich die Frage, worauf Oh. eigentlich hinauswill, außer hübsche (aber letztlich belanglose) Soundteppiche zu weben.


 

SCHEFFENBICHLER
Der Schwimmer
Eigenverlag

Das steirisch-wienerische Quartett Scheffenbichler ist eine dieser Bands, die nach allem Möglichen klingt, nur niemals “angestrengt”. Mittelmäßige Gesangs- und Instrumentalfertigkeiten mögen ausreichen, dafür konzentriert man sich auf das Wesentliche: Originelles und berührendes Liedgut mit Charme und Sentiment, und davon wird man auf dieser CD reichlich beschenkt. “Der Schwimmer” ist genial-dilettantischer Minimalfolk, der gern bei den Volks- und Popmusiken dieser Welt klaut, sei es Cajun (“Das Krokodil”), sei es Rhythm&Blues (“Flamingo”) oder südamerikanisches (“Besame Mucho”). Gesungen wird vorzugsweise im Dialekt, und so schlägt man ganz beiläufig den Austropop mit seinen eigenen Waffen, indem man Gefühlskitsch durch naiv-absurde Betrachtungen ersetzt, die die Grenzen zwischen Binsen- und Lebensweisheit verschwimmen lassen. Ein diesbezüglicher Höhepunkt ist “Staub”, das auch schon den “Sumpf”-Sampler “Musik zu gut für diese Welt” bereicherte. Scheffenbichler sind Klein-Kunst, aber kein Kabarett, denn dafür sind ihre witzigen Wendungen zu sehr eingebettet in eigenständige, immer für eine Überraschung gute Musik. Sehr ansprechend auch die Instrumentierung mit Akkordeon, elektronischen Sprengseln und so manchem Casio-Solo. Bestellen kann man die CD bei Norbert Trummer, Tel.01/715 67 75.
SCOTT 4
Works Project LP
Folk Archive/V2

Abseits einer immer mehr zur Regel werdenden Musizierpraktik des Übereinanderschichtens von digitalen und analogen Sounds ziehen Freunde des Songwritings mitunter seltsame Pflänzchen. Scott 4 ist ein kombinierfreudiges Londoner Trio, das sich irgendwie nicht zwischen Country, (Kraut-)Rock, Folk und Hip Hop entscheiden konnte und daher kurzerhand die Fähigkeit entwickelte, all das in einem einzigen Song unterzubringen. Der Bandname ist eigentlich ein Scott-Walker-Soloalbum, der Sänger und Hauptsongwriter läßt sich offenbar prinzipiell nur mit Stetson ablichten und immer wieder findet sich unter den Titeln ein teutonisches Wortgebilde (hier: “Königskraft”). Trans Am und Stereolab sind prominente Beispiele, wie man auf der Straße des Eklektizismus in neue Regionen vordringen kann. Im Falle von Scott 4 bleiben Melodien, Refrains und eine melancholische Grundstimmung dominierend – wenn auch die Songstrukturen manchmal ins Raffinierte lappen. Die Works Project LP ist Scott 4`s zweites Full-Length-Album und spannt einen weiten Bogen zwischen monotonen, rhythmischen, opulent instrumentierten Stücken und klassisch anmutenden Schmachtfetzen, die mit den besten Momenten der Tindersticks durchaus mithalten kann. Zitiert wird gern und viel – das bandeigene Label heißt nicht von ungefähr “Folk Archive” – und doch hat man das Gefühl, hier sind visionäre Songschmiede am Werk, die nicht an einer Wiederholung der Geschichte interessiert sind. Nachhaltig und schön.
SOFA SURFERS
Cargo
Klein Records

Mit recht düsteren, dub-durchtränkten Tracks wartet das zweite Full-Length-Album der Sofa Surfers auf. Titel und Cover spiegeln die kühle Athmoshäre von Lagerhallen und Verladebahnhöfen wider, in der Musik findet dies seine adäquate Umsetzung: tiefe Bässe, abstrakte, spannungsgeladene Soundsplitter und dichte, verhallte Schlagzeugpatterns bestimmen das Bild. Der Industrial-Touch wird aber vom Geiste Lee Perrys und anderen bläulichen Dunstwolken relativiert. Die Reggae-Vokalisten (beim Dub sagt man ja “Toaster”) Singing Bird und Viktor Oshioke tun ihr übriges, und das Ergebnis legt stellenweise gar Vergleiche mit Massive Attack`s letztem Album nahe. Abgesehen davon kann sich “Cargo” aber durchaus als eigenständiges Werk behaupten, hält die Spannung vom ersten bis zum letzten Track aufrecht und überzeugt obendrein durch seine satte Produktion. Dabei bin ich den Sofa Surfers bisher eher skeptisch gegenübergestanden.
LEONID SOYBELMAN`S MUCH ADO ABOUT
Burt Bacharach`s Walk On By
No Man`s Land/Trost, Hoanzl

Fleißiger Mann. Neben seiner Tätigkeit als Sänger/Gitarrist bei Ne Zhdali und Kletka Ret findet Leonid Soybelman auch noch Zeit für ein Konzept-Soloalbum. Burt Bacharach`s Welthit “Walk on by” wird zerlegt, seziert und variiert, was das Zeug hält. Am Anfang steht eine schmissige, nackte Wohnzimmer-Aufnahme, in der Folge spielt er mit Band (Tony Buck, Joe Williamson), wirft den Casio an, remixt und läßt einen Deutschen und eine Französin singen. Dabei bleiben die Nerven nicht unbeansprucht. Hier artet Intuition doch oft in Beliebigkeit aus, zeigt genialer Dilettantismus doch oft sein langweiliges Gesicht. Trotz guter Momente kann mich diese musikalische Laubsägearbeit nicht wirklich überzeugen.
STEREOLAB
Aluminum Tunes
Warp/Rough Trade

Masse und Klasse. “Aluminum Tunes” ist ein umfangreiche Sammlung von Outtakes, Remixes, Nebenprojekten und schwer erhältlichen Singles aus den Jahren 94-97. Die auf zwei CDs verteilten Stücke lassen einen die interessante Entwicklung des britischen Kollektivs in diesen Jahren gut nachvollziehen und dokumentieren die ganze Bandbreite ihres Schaffens: Vom hypnotisch dahintuckernden Spacemen 3-Verschnitt über frankophilen Britpop bis zu Samba-Stücken und Versuchen in Moog-ologie ist alles vorhanden, dabei sind die Stücke kaum schlechter als die auf ihren “regulären” Alben. Beginn und Herzstück der Compilation ist die Musik zu einer Installation des amerikanischen Künstlers Charles Long (“Music For The Amorphous Body Study Center”), abstrakte Remixes von Wagon Christ und John McEntire sorgen für die auffälligsten Momente. Aber auch die restlichen gut eineinhalb Stunden machen Spaß und lassen kaum Langeweile aufkommen. Vielleicht braucht es diese Länge, um zum Kern von Stereolab vorzudringen. Dann jedenfalls ist “Aluminum Tunes” ein guter Einstieg in ein bemerkenswertes Mikrouniversum.
TANGO BOYS
Wah Wah Modern
Höllering

Erster Eindruck: wieder keinTango. War aber auch nicht zu erwarten, denn plakative Schlüsse von A nach B sind dieser Band ebenso fremd wie allzu saubere Oberflächen oder opportunistisches Kalkül. Die Tango Boys funktionieren immer auf verschiedenen Ebenen: sei es als Mitschunkel-Tanzcombo, als Restauratoren alter (Musik-)Stilmöbel oder als Krankenpfleger der Avantgarde. Obwohl nach wie vor billig produziert und schief intoniert wird, merkt man, daß die “Boys” langsam erwachsen werden: Die Arrangements sind fein gearbeitet und bergen so manche Überraschung, elektronische Sperenzeln finden sich ebenso wie Dub-artige Strukturen. “Wah Wah Modern” ist durchtränkt von einem gesunden Sinn für Harmonie und Melodie – und für Humor der trockeneren Art. Violine, Trompete, Akkordeon und Lochkarten-Drehorgel setzen gezielte Farbtupfer. Immer wieder taucht ein kleines Melodieschnipsel aus dem pophistorischen Museum auf und man fragt sich, woher man es kennt. Zweimal werden ganze Stücke gecovert: Einmal Burt Bacharach (“Do you know the way to San Jose” war schon auf dem Soft-Egg-Cafe-Sampler ein Highlight) und einmal covert man sich selbst (“Ben” von der ersten CD). “Wah Wah Modern” ist ein kleines, rundes Meisterwerk geworden und ich werde es auf meine “100-Beste-Alben-des-Jahrtausends”-Liste setzen, denn mein Gedächtnis läßt nach, und ich will damit nicht zuviel Zeit vergeuden.

THIRD EYE FOUNDATION
You Guys Kill Me
Domino/Rough Trade

Die Werke des Bristolers Matt Elliot sind im Kreis der Elektro-infiltrierten Independentbastler zwischen Post-Rock und Aphex Twin eine absolute Bereicherung: Auf-und abschwellende Samples der bedrohlicheren Art werden übereinandergeschichtet und von minimalistischen Drumpatterns vorangetrieben. Das Ergebnis sind eigenwillige, faszinierende Müllberge-of-Sound an der Kippe von Bizarr-Pop und schwerverdaulichem Experiment. Dabei wurde der Wahnsinn des Vorgängeralbums “Ghost” diesmal doch etwas zurückgeschraubt. “You Guys Kill Me” ist eher Esotherik mit einem Hauch von Schizophrenie, ist klarer strukturiert und mutet beinahe wie eine Instrumentalversion von Trickys “Millenium”-Album an. Das Rhythmusgeflecht wuchert weniger dicht, dafür glaubt man stellenweise richtige “Kompositionen” zu hören. Schönheit und Schwermut verschmelzen ineinander und verlagern den letzten Rest Ironie in Tracktitel wie “I`m sick and tired of being sick and tired” oder “In Bristol with a Pistol”. Wäre dieses Album ein Film, würde er von einem freundlichen Monster handeln, das in einem kargen nordischen Gebirgszug haust.
TINDERSTICKS
Nénette et Boni
Ouicksilver/Island/Polygram

Ein Soundtrack für einen französischen Film. Die Beschriftung ist karg und in französisch, die Informationen sind spärlich. Ebenso knapp gehalten ist die Musik selbst, ein langer ruhiger Fluß, viel Klavier und Orgel, Beserl-Schlagzeug in Zeitlupe. Gesang gibt`s nur in einem Stück irgendwo in der Mitte. Man assoziiert Truffaut, Gainsbourg, Leaud und Bardot. Und das Ambiente einer Pariser Existenzialistenbar. 1996 nent man so etwas Easy-Listening-Soundtapete, tatsächlich entpuppen sich die Tindersticks hier als Schwesterband von Combustible Edison. Kauf die CD und gehe in Dich.

 

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T-he Screen Turned Black
Edition Ars Electronica/Kunstradio ORF

Das Internet bricht weltweit in sich zusammen…der Bildschirm ist schwarz…Benutzer werden von ihren Modems aufgesaugt und verschwinden auf Nimmerwiedersehen im Netz. Was Web-unbeleckten nur ein Schulterzucken abverlangt, treibt dem passionierten Surfer die Schweißperlen auf die Stirn. TNC Network, ein Internet-basierter Radiosender, inszeniert seit 1996 solche Szenarios und begibt sich damit in einen Grenzbereich aus Kunst, Fiktion, Spaß und Technologie. Daraus ergab sich ein globales Kommunikationsnetz, in dem wie wild telefoniert und ge-e-mailt wurde. Die Aktionen bekamen eine seltsame Eigendynamik, lokale Parties wurden parallel zu den Aktionen veranstaltet. “T-he Screen Turned Black”, eine krude Collage aus Sound und Hörspiel, dokumentiert die bisherigen Aktionen, an denen Institutionen aus allen Winkeln der Erde, darunter auch das Ars Electronica Center in Linz und das ORF Kunstradio, beteiligt waren. Als Hörer wird man mehr und mehr in die Geschehnisse hineingezogen, die CD entpuppt sich als spaßige Angelegenheit. So trifft man u.a. auf Stermann und Grissemann: Grissemann verwandelt sich während einer TNC-Livesendung in einen Hund (“Grissedog”) und wird von Stermann zwecks Erster Hilfe ins Netz geladen, um als Netz-Hund über den Bildschirm zu laufen (oder so ähnlich…). Hört diese CD und macht euch ein Bild davon, welcher Wahnsinn infolge fortschreitender Internet-Sucht in den nächsten Jahrzehnten noch auf uns zukommt.
LENA WILLEMARK & ALE MÖLLER
Agram
ECM/Lotus

JOHN PARISH & POLLY JEAN HARVEY
Dance Hall At Louse Point
Island/Polygram

Ein feines Scheibchen ließ mich unlängst aufhochen, als ich Wolfgang Kos in seiner Radiosendung Diagonal lauschte. Lena Willemark, Sängerin, und Ale Möller, Folk-Multiinstrumentalist, beide aus Schweden, erweisen sich als feinfühlige Chronisten heimischer Traditionals unter stilvoller Hinzufügung so mancher Eigenkomposition. Den typischen ECM-Sound hört man zwar raus, aber das Duo kriegt ganz gut die Kurve, bevor die Sache allzu esoterisch verspielt wird. Dasselbe gilt auch für die auf ECM-Platten allgegenwärtigen Jazz-Tupfer, die normalerweise nicht so meine Sache sind. Hier geht das alles aber eine gesunde Symbiose ein, und es zeigt sich, daß der Reiz schwedischer Folklore mit dem schottischer Hochlandsweisen, aber auch mit dem Reiz bulgarische Chöre verwandt ist. Und davon zehren schließlich auch grundgute Acts wie Ethan James oder The Ex. Außerdem weiß ich jetzt, daß Gesang in schwedischer Sprache sehr hübsch ist, wenn er aus Goldesmund kommt und daß der Bär im Norden “Björnen” genannt wird.

Noch eine Vokalistin, noch ein Instrumentalist, diesmal die hippe Variante. P.J.Harvey, die wohl ausdrucksstärkste Rock-Sängerin unserer Tage, hat sich mit John Parish zusammengetan, der für die Musik verantwortlich zeichnet und hauptsächlich die Sechssaitige bedient. Auch hier herrscht eher zurückgelehnte Stimmng vor, jedoch nehmen die leicht blueslastigen Stücke mitunter rasiermesserscharfe Konturen an. Eingängige Refrains sucht man hier vergebens, dafür beherrschen offene, elegische Strukturen und abrupte Dynamikwechsel das Bild. Einmal mehr gibt Mick Harvey (ich erspare mir hier eine Aufzählung seiner bisherigen Glanztaten) einen befruchtenden Gottseibeiuns ab, der der ab und an zu einem Instrument gegriffen und z.T. mitproduziert hat. Doch trotz großer Namen ist “Dance Hall At Louse Point” wohl eher ein Liebhaberstück.