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Musik online entdecken – Alternativen zu Last.FM —

lastfmFür Leute, die wie ich gerne neue Musik über einschlägige (soziale) Webplattformen wie LastFM entdecken, gab es in den letzen Wochen  zwei einschneidende Ereignisse: Erstens die Meldung, daß Streams auf LastFM – mit Ausnahme von D, GB und den USA – nun kostenpflichtig sind, und zweitens der vielgelobte Relaunch von PlayFM. Zeit, sich wieder einmal einen Überblick zu verschaffen: Welche Alternativen gibt es zu LastFM, und wie gut funktionieren sie? PlayFM, Blip.FM und Hypemachine im Vergleich.

Unlängst teilte mir Last.FM, meine favorisierte Musikplattform, mit, dass ich eigentlich nur ein “kostenloses Schnupperabo” für den Streamingservice  habe und dieses nach den nächsten 30 Titel auslaufen werde. Irgendwie wars ja klar: die Verwertungsgesellschaften und die Musikindustrie machen Druck, und LastFM ist ja ohnehin schon seit Längerem im Besitz der Musikindustrie. Die Community will man nicht allzu sehr vergraulen, daher wird der Abopreis mit 3 eur pro Monat relativ moderat angesetzt. Absurd und ärgerlich ist allerdings, dass im “gemeinsamen Wirtschaftsraum” EU mit zweierlei Maß gemessen wird: In Deutschland ist das Streaming gratis, weil dort durch Online-Werbung genug Geld hereinkommt. Der Ösi (und die meisten anderen Nationen) muss zahlen. Die Gründe dafür sind so vielschichtig, dass Sie genug Stoff für einen eigenen Blogartikel abliefern würden, diesmal soll es aber eher um pragmatischere Dinge gehen:

  • Welche legalen, kostenfreien Services zum Entdecken neuer Musik stehen hierzulande im Moment zur Verfügung?
  • Wie funktionieren sie, wie unterscheiden sie sich voneinander, wie hoch ist der “Suchtfaktor” bei längerem Konsum?

Drei Services werde ich hier näher beleuchten: Play.fm, Blip.fm und Hypemachine. Sie alle gibt es schon länger, und es wurde schon reichlich darüber geschrieben. Aber auch Musikplattformen machen eine Evolution durch und es bilden sich charakteristische Community-Kulturen, die sich durchaus voneinander unterscheiden können. Ein Vergleich des State-of-the-Art im Sommer 2009 kann daher durchaus aufschlussreich sein.

Play.fm

Schreenshot Play.FM

Schreenshot Play.FM

PlayFM gibt es schon seit 2004. Erst Departure-Geld hat es aber nun den Betreibern möglich gemacht, auf playFM eine hochprofessionelle Plattform mit kommerziellem Geschäftsmodell aufzuziehen, die in ihrem Segment – DJ Culture – seinesgleichen sucht. Kürzlich wurde die Plattform einem Relaunch unterzogen.

DJs können bekanntlich Leben retten. DJs und ihre Sets (Mixes) sind auch die zentralen Einheiten, um die sich in PlayFM alles dreht. Die DJs laden ihre Sets selbst hoch. Die user suchen sich den DJ ihres Vertrauens oder wählen einfach eines der 35 Genres aus und können – kostenfrei und ohne Registrierung – DJ Sets oder Genre-Streamings abspielen.

Da die Tracks meist nahtlos ineinander übergehen, ist es oft schwierig herauszufinden welcher Track von welchem Interpreten gerade läuft. Hier leistet der Player von PlayFM erstaunliches: Wie in einem Musikeditor sieht man die Waveform der Musik, wobei ein Marker immer die gerade abgespielte Stelle anzeigt. Zusätzlich haben die DJs Markierungen an den jeweiligen Übergängen gesetzt. Und hier setzen die Community-Funktionen von PlayFM an: Wie in einem Wiki können alle registrierten User die Tracklists editieren und kommentieren. So kommt man auch als HörerIn zu recht vollständigen Sets von Metadaten. Sind die Stücke einmal identifiziert, werden sie auch mit mehreren Online-Shops verlinkt, wo man die Tracks dann käuflich erwerben kann. Von den Track-Verkäufen gehen ein paar Prozent wieder an PlayFM. Eigentlich ein geniales Geschäftsmodell, das einen vernünftigen Kompromiss zwischen den Interessen von Rechteinhabern, Vertrieben, Musikern, Hörern und dem Plattform-Betreiber selbst anstrebt – heutzutage fast so etwas wie die Quadratur des Kreises. Noch spielen die Verwertungsgesellschaften mit, hoffentlich bleibt es so.

Der Dienst ist natürlich auf Freunde der Klubkultur zugeschnitten; Indie, Alternative und Metal sucht man hier vergebens, ganz zu schweigen von Jazz, Folk oder Klassik. Gehört man aber zur Zielgruppe, kenne ich aber derzeit im Netz wohl kaum vergleichbar  Gutes.

Blip.fm

Screenshot Blip.FM

Screenshot Blip.FM

Während bei Play.fm das DJ-Tum als eigenständige Kunstform angesehen wird und die Protagonisten wohl vorwiegend bezahlte Aufleger in mehr oder weniger renommierten Klubs sind, pflegt Blip.fm ein ganz anderes Bild des DJs: Jeder, der sich registriert und ein Musikstück verlinkt und kommentiert, ist ein “DJ”. Blip ist im Grunde Twitter für Musikempfehlungen; Während Twitter die Frage „What are you doing“ stellt, heisst es bei Blip.fm “What are you listening to?”. Dementsprechend eng verknüpft sind auch die Dienste. Twitterer verwenden oft Blip zum Posten von Musiklinks. Das kann man auch automatisieren.

Ein kurzer Einblick in die seltsame Begriffswelt von Blip.fm: Steht bei Play.fm der DJ im Zentrum der Betrachtungen, ist es bei Blip.fm der “Blip”. Ein Blip ist, wie schon weiter oben erwähnt, eine Kombination aus einer max-140-Zeichen-Kurzmeldung und einem Link zu einem Musikstück. Jeder registrierte User, der Blips postet, ist ein “DJ”. Aus den Blips formen sich Playlists, die dann von den Usern gehört werden können. Reputation ist auch hier wichtig: Gefällt einem, was ein DJ geblipt hat, kann man “Props” verteilen. Gefällt einem überhaupt, was ein DJ posted, kann man “Listener” dieser Person werden, und in die eigene Liste der “favourite DJs” aufnehmen. So soll man schön langsam zu “maßgeschneiderten” Playlists gelangen, die dem eigenen Geschmack entsprechen, und kommuniziert gleichzeitig auf spielerische Weise mit anderen Leuten im Netz: Props, Blips, Replies und Re-Blips haben sicher für mache Leute Suchtcharakter. Andere wird es eher nerven.

Nett ist, dass bei vielen Songs gleich automatisch das entsprechende YouTube-Video gestartet wird. Nervig ist, dass der Player statisch in die aktuelle Seite eingebunden wird. Klickt man unachtsam während des Zuhörens auf einen anderen Link und vergisst, einen neuen Tab aufzumachen, bricht der Player ab.

Um Musik hören zu dürfen, muss man sich registrieren. Die Registrierung ist aber kostenlos, und es gibt auch keine kostenpflichtigen Premium-Pakete. Blip.FM selbst speichert keine Musik, verlinkten Stücke befinden sich irgendwo im Netz und verschwinden auch manchmal wieder; dass hier nicht alles legal ins Netz gestellt wurde, liegt auf der Hand.

Kommen wir zur Musik: Betrachtet man die DJ-Profile, scheint der Dienst ziemlich USA-lastig zu sein, entsprechend überwiegen auch amerikanische Interpreten. Zum Unterschied von PlayFM dominiert hier die Musikform des “Songs” und das Genre “Pop”. Viele DJ scheinen auch an Musikarchäologie interessiert zu sein, so erkläre ich mir den hohen Prozentsatz an geblipten “Oldies” aus vergangenen Jahrzehnten – Aktuelle Veröffentlichungen oder gar Neuerscheinungen sind eindeutig in der Minderheit. Mir ist es auch nach intensiver Auswahl der DJs nicht gelungen, eine einigermassen hörbare Playlist zu erzeugen, ohne daß ich einzelne Stücke händisch rausschmeissen muss. Das funktioniert bei LastFM besser. Und die Blips –  also die Textmeldungen –  unterbieten in punkto Originalität und Informationsgehalt her sogar Twitter jederzeit locker…

Hypemachine

Screenshot Hypemachine

Screenshot Hypemachine

Mehr als alle anderen Musikplattformen kommt die Hypemachine dem guten alten Konzept des “Musikmagazins” nahe: Es bündelt mehr als tausend Musikblogs auf der ganzen Welt und stellt sie zu einem riesigen, virtuellen, tönenden Zeitung zusammen. Vom Wortanteil (und der Qualität der Beiträge) ist es damit natürlich das krasse Gegenteil zu Blip.fm, dafür kann man hier genauso gut schmökern wie lauschen.

Bei Hypemachine wird mitnichten jedes dahergelaufene Blog aufgenommen; es muss sich zuerst einer Qualitätskontrolle: Die Blogger müssen die Musik mögen, gut schreiben können und regelmäßig posten. Solch ein  editorialer Anspruch mutet im Web 2.0 fast altmodisch an, tut der allgemeinen Qualität aber gut.

Zum Unterschied von den meisten anderen Plattformen bietet die Hypemachine kaum Möglichkeiten zu Personalisierung. Man kann sich gerade mal die Lieblingsblogs zusammenstellen, um deren Postings immer im Auge zu haben. Dazu muss man aber erst einmal herausfinden, welche der ca. 1400 Blogs einem besonders zusagen. Eine Genre-Navigation sucht man hier vergebens – ein Unikum unter den gängigen Musikplattformen. Bei Hypemachine wird alles aggregiert und durch einen einzigen Kanal geschickt – dieser manifestiert sich dann im etwas aufdringlich moderierten Webradio oder auch in der “Zeitgeist”-Rubrik, eine Art Jahres-Charts, die den Geschmack des “durchschnittlichen” Hypemachine-users recht anschaulich abbildet. Dadurch wird die Hypemachine aber auch ihrem Namen gerecht, denn wenn alles personalisiert und gleichgemacht wird, so nach dem Motto “Jedem das seine”, dann tritt auch nichts aus dieser neutralen Masse hervor. Die Hypemachine bekennt sich zum “Hype”, mit allen vor- und Nachteilen, die damit verbunden sind. Und damit wird letztlich auch dafür gesorgt, dass aktuellen und neuen Releases klar der Vorzug gegenüber dem Schwelgen in Evergreens gegeben ist.

Der durchschnittliche Hypemachine-User tendiert jedenfalls klar zu Alternative- und Indiepop und etwas eingängigerer Clubmusik, hierzulande wird so etwas auch als “FM4-Musik” gebranded. Will man andere Sachen hören, muss man Interpret oder Songtitel in die Suche eingeben und kann dann über die angezeigten Blogs auch gut Neues entdecken. Und hier manifestiert sich dann doch eine erstaunliche Bandbreite: Eine Suche nach “Beethoven” findet neben “Camper van” auch durchaus eine Treffer für “Ludwig van”. John Cage, Miles Davis, Pierre Boulez, Chick Corea, Nusrat Fateh Ali Khan…fast alle Musikgenres kommen letztlich zum Vorschein, wenn man unter der Oberfläche wühlt.

Fazit

Eines wird  bei der Beschäftigung mit diesen Plattformen klar: den einen, umfassenden Musikservice, der alles kann und alle bedient, gibt es nicht und wird es wohl nie geben. Schon die Funktionsweisen der vier vorgestellten Plattformen unterscheiden sich erstaunlich deutlich voneinander. Play.fm und Hypemachine werden mich sicher wiedersehen, blip.fm eher nicht.

Insgesamt sehe ich die “zahlreichen kostenlosen Alternativen”  zu Last.FM, von denen oft die Rede ist, im Moment nicht, zumal viele eigentlich interessante Plattformen wie spotify, pandora, simfy oder roccatune (derzeit?) in Österreich nicht funktionieren. Es bleibt überlegenswert, ob man nicht doch die 3 eur pro Monat für LastFM berappen soll, wenn man den Service wirklich mag.

The Field - Yesterday and today

The Field – Yesterday and today (Kompakt)

Meine Musikentdeckung der Woche ist übrigens  The more that I do von The Field. Zugegeben, das erste Mal habe ich den Track Im Sumpf bei Fritz Ostermeier gehört – auf Hypemachine war er aber leicht aufzustöbern. The Field ist ein Schwede namens Axel Willner, der auf dem erwähnten Track mit den Cocteau Twins genauso verfährt wie El Guincho mit afrikanischen Gesängen: Geloopte Samples mit vielen Gesangsanteilen, wunderbar musikalisch übereinander geschichtet, sodaß die Originalmusik noch erkennbar ist (wenn man sie denn kennt…),  das ganze aber doch einen ganz eigenen Charakter bekommt. Sehr schön.


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