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Licht am Ende des Tunnels – Harry Howard and the NDE —

HarryHoward & Edwyna Preston, photo: David Waddleton Lange stand Harry Howard im Schatten seines älteren und berühmteren Bruders Rowland. Doch irgendwann so gegen mitte der Nullerjahre bewegte er sich auf ein fernes Licht zu und die Songs in seiner Schublade begannen mit ihm zu sprechen. Sie teilten ihm auch gleich mit, wie sie zu klingen wollen. Ein Interview für die Zeitschrift Skug anlässlich eines Konzertes im Fluc.

Harry Howard betrat die Bühne der Musikgeschichte im Jahr 1982, als er als Bassist bei den letzten Birthday Party-Konzerte einsprang (Stammbassist Tracy Pew saß gerade im Knast wegen Trunkenheit am Steuer). In Rowland S. Howard’s folgenden Bands war Harry dann fixes Bandmitglied: Zuerst bei Crime and the City Solution, danach bei These Immortal Souls und Shotgun Wedding, dem Kurzzeitprojekt mit Lydia Lunch. Harry spielte in all diesen Bands aber als Bassist, der kaum an den Kompositionen mitwirkte, eher eine Nebenrolle. In der Filmdokumentation ‘Autoluminescent’ beklagt sich Harry – genauso wie These-Immortal-Souls-Keyboarderin Genevieve McGuckin – über die mangelnden Bandleaderqualitäten von Rowland, dem gegenüber seinen Mitspielern kaum je ein Wort des Lobes über die Lippen kam. Harry verzichtete im Gegensatz zu Rowland weitgehend auf exzessiven Drogenkonsum und schaffte es, clean zu bleiben, und ging zurück nach Melbourne. Die beiden Brüder lebten sich auseinander.

In der Melbourner Band Pink Stainless Tail wechselte Harry dann zur Gitarre. Hier offenbarte sich auch schon die stilistische Neuorientierung hin zum Sixties-Garage-Rock, bzw. dessen Neuinterpretation in den Jahren des Post Punk, wie sie Bands wie Television, The Fall, die Blue Orchids und andere gepflegt haben. Erst 2012, Jahre nach Rowland S. Howards’s Tod, erschien sein erstes eigenes Album, The Near Death Experience.

Auf dem Album offernbart sich Harry’s wahres musikalisches Gesicht: Der Gesang schwankt zwischen einem lausbubenhaft-kehligen Timbre, der dem seines Bruders nicht unähnlich ist, und dem näselnden Sarkasmus eines Mark E. Smith. Die Stücke sind zurückhaltend produziert – minimalistische Songskelette, praktisch ohne Overdubs. Dadurch bewahren sich die Songs einen unprätentiösem Charme und eine zeitlose Eleganz, wie sie auch so manches Go-Betweens-Album auszeichnet. Ein Jahr später folgte dann das zweite Album “Pretty” mit identischem Lineup, das – Widerspruch zum Albumtitel – nochmals eine Spur räudiger und sarkastischer klingt als das erste Album, dabei aber auch nicht mit großen Melodien geizt.

Harry Howard and the NDE live photo

Harry Howard and the NDE, photo: Stefan Foster

Seine Backing-Band the Near Death Experience ist durchaus prominent besetzt: Die Rhythm Section bildet das Ehepaar Clare Moore / Dave Graney, beide Gründungsmitglieder der Moodists und seither umtriebige Fixsterne in der australischen Independent-Musikszene. Moore’s Schlagzeugstil ist ein minimalistischer und präzise auf dem Punkt gespielter Beat Marke Mo Tucker; den Bassisten Dave Graney kennt man hingegen eher als mit mehreren australischen Musikpreisen dekorierter Blues- und Country-Sänger. Eine Art skurrilere, humorvollere Variante von Nick Cave, dem der Welterfolg zwar verwerhrt geblieben war – für die Eroberung von Down Under hat es allemal gereicht. Zusammen lassen die beiden den Geist der Moodists in Howard’s Backing Band aufleben – Trashrock-Pioniere der mittleren Achtziger Jahre und Zeitgenossen von Birthday Party. Geprägt wird der Sound der NDE aber auch von der scharfkantigen Farfisa-Orgel von Edwina Preston, heute Harry Howard’s Lebensgefährtin, mit der er auch ein paar schöne Duette singt.

SKUG: Warum heißt deine Band The Near Death Experience? Ich habe irgendwo gelesen, dass du selbst schon eine Nahtoderfahrung gehabt hast.

HH: Der Bandname hat eine etwas andere Bedeutung für mich, mehr im Sinne von “sich dem Licht zuzubewegen’. Meine eigene Nahtoderfahrung war konkreter: die Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit und schließlich auch mit dem Tod meines Bruders.

SKUG: Bevor du deine eigene Band gegründet hast, hast du in mehreren Bands mitgespielt, in denen du nicht wirklich Einfluss auf das Songwriting hattest. Ist es reiner Zufall, dass du erst nach dem Tod von Rowland dein eigenes Projekt gestartet hast, oder war es eine Reaktion auf den Verlust deines Bruders?

HH: Vor Crime & the City Solution war ich schon in ein paar Garage-Bands involviert, die aber nie wirklich aus der Garage herauskamen. Zum Teil habe ich dort auch schon Gitarre gespielt, gesungen und Songs komponiert. Mein jetziges Projekt The Near Death Experience habe ich schon lange vor Rowland’s Krankheit begonnen. Tatsächlich hat es sich verzögert, weil ich selbst schwer erkrankt bin. Als ich mich einigermaßen erholt hatte, hat es dann Rowland erwischt.

SKUG: Wie ging die Metamorphose vom Bassisten zum Sänger/Songwriter vonstatten?

HH: Ich habe immer wieder versucht zu komponieren. Ich glaube, die Wandlung kam, als ich mich ein paar Jahre lang Material mit meinem 4-Track-Recorder aufgenommen habe – ich arbeite langsam – bis ein Stamm von Songs beisammen war.

SKUG: Als du deine Solokarriere gestartet hast, hattest du da irgendein Konzept im Kopf für deine Band oder hat sich das eher intuitiv ergeben?

HH: Die Songs, die ich für mein eigenes Projekt geschrieben habe, schienen selbst bereits eine Vorstellung davon zu haben, wie sie klingen sollten. Ich liess es einfach passieren, ich wollte mich nicht selbst zu sehr auf meine früheren Erfahrungen beschränken und mehr meine eigene Persönlichkeit einbringen. Interessanterweise hatten sie diesem frühen Post-Punk-Charakter. Ich wollte, dass meine Sachen zugleich ernst, komisch, intensiv und cool klingen.

SKUG: Kannst du beschreiben, wie deine Texte zustande kommen – was sind deine Einflüsse, Inspirationen?

HH: Hmmm. Manche Songs kommen einfach aus dem Nichts und ich muss selbst erst ihre Bedeutung herausfinden. Manchmal schreibe ich eine Zeile, frage mich was sie bedeuten könnte und probiere Dinge aus, bis sich etwas Songartiges daraus ergibt. Ich versuche es so intuitiv wie möglich zu gestalten. Liebe und Hass in Beziehungen sind oft Grundthemen der Songs, oder besser Hass innerhalb der Grenzen der Liebe. Ich mag es nicht, wenn meine Texte zu ernst klingen. Es erscheint mir irgendwie unrealistisch und aufgeblasen, denn in jeder noch so schlimmen Situation steckt immer auch eine Prise Humor.

SKUG: Bist du Profimusiker in dem Sinne, dass du von den Platten und Auftritten leben kannst, oder hast du einen normalen Job und leistest du die die Musik eher als Hobby?

HH: Professionell, haha, schön wärs. Nein, ich muss nebenher arbeiten, aber es ist für mich sowohl eine Leidenschaft als auch ein Hobby.

SKUG: Einige deiner früheren Bandkollegen starben relativ jung, wobei der exzessive Drogenkonsum über viele Jahre hinweg wohl eine Rolle gespielt hat. Du scheinst dich da eher zurückgehalten zu haben. War das eine bewusste Entscheidung von dir, in der Art ‘ich will meine Gesundheit nicht ruinieren und etwas länger leben?’

HH: Obwohl ich in meinen Teenagerjahren durchaus Lust auf bewusstseinserweiternde Erfahrungen hatte, fühlte ich mich nie wirklich zu Drogen hingezogen. Ich habe es aber schon durch den gelegentlichen Gebrauch geschafft, meine Gesundheit ziemlich zu ruinieren. Alles in allem war ‘stoned’ aber nicht mein bevorzugter Geisteszustand.

SKUG: Verfolgst du die aktuelle Musikszene in Melbourne? Wie ist sie im Vergleich zur Post-Punk-Zeit der Achtziger Jahre?

HH: Im Ernst, ich bin erstaunt über die Musikszene in Melbourne. Insgesamt gibt es heute sicher genauso viele gute Bands wie in den Achtziger Jahren. Ich habe viele der damaligen Bands gar nicht gemocht. Aber die Jugend kann grausam sein, nicht?

Harry Howard & the NDE spielen zusammen mit Dim Locator (mit Ex-Mitgliedern von Once upon a Time, True Spirit und Fatal Shore) am 10.10. im Kino Ebensee und am 11.10. im Fluc im Wien.


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