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Jolly Goods: “Walrus” CD Review —

Jolly Goods,"Walrus" album coverFeministischer Trash-Rock, vom Strassenrand der Musikgeschichte aus beobachtet. CD-Review, erschienen im Skug #88, Oktober 2011.

Woher die beiden Schwestern, die das Duo Jolly Goods bilden, kommen, spielt letztlich keine Rolle: London, New York, Melbourne, eine deutsche Kleinstadt…Diese Musik könnte überall entstehen – und sie scheint einen grossen Haufen auf Attribute wie Originalität, Eigenständigkeit oder Innovativität zu scheissen. Jolly Goods bedienen sich einfach der Mittel, die sie am Strassenrand ihres (Musik-) Lebens finden. Jedes einzelne Stück auf »Walrus« scheint aus Bestandteilen eines Standard-Baukastens für Punk und/oder Trash-Rock zusammengeschmiedet zu sein: White Stripes, Patti Smith, PJ Harvey, Velvet Underground und so weiter – Hardcore-Eklektizismus eben. Bemerkenswert ist aber die Unbeschwertheit, Intensität und Leidenschaft, mit der sie das tun. Bemerkenswert auch der exaltierte Gesang von Tanja Pippi, der sich bei allem Abkupfern dann doch gehörigen Respekt verschaffen kann und gut zwischen hysterischem Kreischen und Midtempo-Crooning hin und her oszilliert.

Überhaupt täuscht der anfängliche Eindruck eindimensionalem Krach-Rocks: schon ab Stück drei wird das Tempo gedrosselt und nur noch sporadisch wirklich Fahrt aufgenommen, etwa bei »Try«, der Quasi-Singleauskopplung. Balladen und Midtempo-Stücke dominieren letztlich das Album, immer wieder tauchen Keyboard-Sprengsel und kleine Soundspielereien auf – möglicherweise ein Einfluss von Dirk von Lowtzow of Tocotronic-Fame, der hier als Koproduzent in Erscheinung tritt. Das wahre Juwel des Albums findet sich im letzten Viertel des Albums und ist mit über 6 Minuten gleichzeitig das längste Stück: »Sad side of the Tongue« lebt von dem Kontrast zwischen wuchtigen Gitarrenakkorden und verträumten Gesangslinien und reicht damit durchaus an die guten Momente von den Pixies oder Dinosaur Jr. heran.

Ein Anliegen scheint der Band auch das in-Frage-stellen von Geschlechterrollen und -Stereotypen zu sein. Im Stück »If I were a woman« (übrigens dem einzigen Stück mit männlichem Backgroundgesang) singt Tanja Pippi im Refrain »All I know is that I wish I was a Walrus«.  Das Stück endet mit der resignierenden Zeile »Yes I do hate everything around me«. Im Mittelpunkt des Videos zu »Try« steht ein junger, zierlicher, androgyner, komplett unbehaarter Mann in Frauenkleidern, der zur Musik der Jolly Goods sexuell aufreizend posiert, während Tanja Pippi’s Stimme darüber reflektiert, ob man/Frau nun sein Leben ändern sollte oder nicht.


Kategorien: Allgemein | Musik

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