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Ronald Hartwig's Datenverarbeitungen

Ihre Stumpfheit in Ehren – Ein Interview mit der Band of Holy Joy

Die Happy Mondays waren in Wien.

(erschienen in Mai 1989 im Falter)


Man kennt diese Typen auch hierzulande: Wahlweise Arbeitslose oder Studenten, hängen sie Nacht für Nacht in ihrem Stammlokal herum, ziehen an ihrem Bier und starren die gutaussehenden Mädchen an. Bietest du ihnen Drogen an – egal welche – erhellt sich ihr Gesichtsausdruck, ein vehementes Kopfnicken folgt. Ihre Interessensgebiete sind schnell aufgezählt: das Lokal, die Musik, die darin läuft, die Freunde, die man darin trifft, Bier, Geld, Drogen, Mädchen.

Genau diesen Typus Mensch verkörpern die Happy Mondays.

Die Gruppe gibt es seit drei Jahren. Irgendein reicher Bonze hörte die Band einmal, mochte sie und vermittelte sie an Factory Records, wo sie 1987 ihr erstes Album “Squirrel and G-Man Twenty Four Hour Party People Plastic Face Can`t Smile (White Out)” veröffentlichten. Als Produzent wurde John Cale geholt.

Die Platte bekam gute Kritiken, verkaufte sich aber mäßig. Der Durchbruch gelang den Happy Mondays mit ihrer zweiten, aktuellen Platte “Bummed”. Sie und die Auskopplung “Wrote for Luck” sonnen sich im Spitzenfeld der britischen Independent Charts.

Irgendwie scheint die Band lose am momentanen Acid-House-Boom dranzuhängen. In der X-Large-Vorschau für ihren Auftritt im Kennedy`s wurden sie allen Ernstes als eine solche Band angekündigt, was natürlich Unsinn ist: Die Happy Mondays sind eine Band aus Fleisch und Blut, mit Gitarre und echtem Schlagzeug, waärend Acid House reine Studiomusik ist.

Tatsache ist jedoch, daß sich die Musik der Happy Mondays durch ihre monotone Rhythmik, ein Sammelsurium an seltsamen Geräuschen und die wirren Texte auf Acid bezieht. Die Band gibt sich auch gar nicht erst Mühe, dies zu leugnen. Im Gegenteil: sich frönen auf der Bühne und während des Interviews ihrem chemischen Steckepferd und lassen keine Gelegenheit aus, auf ihre Vorliebe für Ecstasy und andere Drogen hinzuweisen.

Auf die Frage, ob er denn irgendein Ziel im Leben verfolge, muß Happy-Mondays-Sänger Shaun Ryder nicht lange nachdenken:”Gute Autos, gute Mädchen, gute Häuser.” Dennoch lehnen sie Angebote von Major-Labels permanent ab und wollen bei Factory bleiben.

Ihre trockene Ignoranz setzen die Happy Mondays im Musik um: Baß, Gitarre und Keyboards umspielen in monotonster Weise einen stumpf geschlagenen Bumsbeat, der vorantreibt, ohne sich von der Stelle zu bewegen. Darüber brüllt der Sänger mit ewig gleicher Stimme seine Texte, die meist aus zusammenhanglos aneinandergereihten Phrasen bestehen. Sie bilden eine Text-Wurst, die am Anfang der Nummer beginnt und am Ende der Nummer endet. Oder anders ausgedrückt: es gibt keine Refrains. Manchmal vergißt Shaun Ryder bei Konzerten seine Texte, dann erfindet er spontan neue, oder er klaut Zeilen aus Beatles-Songs.

Wie die Blue Aeroplanes, die kürzlich ebenfalls im Kennedy`s gespielt haben, leistet sich die Band einen Vortänzer, der auch ab und zu an den Marimbas rasseln darf, doch zum Unterschied von ersterer Band wirkte die Attitüde hier eher peinlich: Beim Wien-Konzert führten der junge Mann, mit weit aufgerissenen Augen ins Leere starrend, einen Veitstanz auf, bis ihm plötzlich schlecht wurde. Wenn der Mann so weitermacht, kann man ihn bald mit dem Besen auf die Schaufel kehren. Daumen nach unten!

Die Musik der Happy Mondays trägt den Bonus der Neuartigkeit und Fremdartigkeit. Die Musiker sind zum Großteil noch jung und unverbraucht. Ihnen macht das Touren noch Spaß und es nervt sie noch nicht, ihrem Klischee entsprechen zu müssen. Dadurch, daß sie sich an den Acid-House-Boom dranhängen, unterwerfen sie sich den Gesetzen der Hipness. Das heißt: wenn sie sich nicht bald davon distanzieren, wird ihnen ihre Hipness zum Verhängnis werden und sie werden im Strudel des nächsten Trendwechsels absaufen. Was sie nicht verdient hätten. Ihre Stumpfheit in Ehren, aber ganz ohne Denken geht`s auf die Dauer nicht. Ein Tritt in den Allerwertesten würde ihnen sicher guttun.