ROHDATEN

Ronald Hartwig's Datenverarbeitungen

Ein Lied über fünfzig Mädchen

Artikel über die BAND OF HOLY JOY, erschienen im Falter April 1989.

 

 

die Band Of Holy Joy gab erneut ein umwerfendes Gastspiel in Wien.

(Falter April 1989)


Extreme Gegensätze, die sich eigentlich wie Sandpapier aneinanderreiben müßten, fügten sich einmal wie Zahnräder ineinander und brachten ein wirres Gebilde namens The Band Of Holy Joy zum Laufen. Ein pathetisch deklamiertes “I love you!” schlägt fast unmerklich in ein gehässiges “I hate you” um, während Melodie und Harmonien gleichbleiben. Oder: Industrial-Musiker aus der Test Department/Psychic TV/SPK-Ecke entdecken die Schönheit zweier Herzen im Deivierteltakt. Oder: mittellose, ausgehungerte Brixton-Bewohner veranstalten Cocktail-Parties.

Johny Brown, dem Sänger und Sprecher der Band, sind solche theoretischen Überlegungen fremd. “Wir haben kein Image wie die Pogues oder Dexy`s Midnight Runners, mit denen man uns so gerne vergleicht. Als wir begannen, Musik zu machen, ging das sehr natürlich und unbeschwert vor sich. Wir waren einfach Freunde. Wir haben auch kein Manifest, wie zum Beispiel Test Department.”

Das vielleicht nicht, aber der Bandname trifft den Nagel auf den Kopf. Hier haben sich Leute aufgemacht, um unser Gemüt an der empfindlichsten Stelle zu kitzeln. Ihre Musik vermittelt diesen Hauch von Tragik, Herzlichkeit, Drama und Selbstmitleid der uns speziell dann überfällt, wenn sich der Wein in unseren Köpfen breit macht.

Holy Joys Auftritt im U4 war vom Feinsten. Anders als bei ihrem letzten Gestspiel hatten sie diesmal einen richtigen Schlagzeuger, dafür haben die beiden Damen die Band verlassen und die drei Billig-Casios einem richtigen Synthesizer Platz gemacht. Doch der Band Of Holy Joy geht es sowieso nicht um Gimmicks. Leg ihre Platten in den Kühlschrank , und wenn du sie dir nach hundert Jahren wieder anhörst, wirst du sie noch immer mögen.

Das Publikum reagierte enthusiastisch. Selten zuvor habe ich im U4 eine solche Stimmung erlebt. Johny Browns markante Vorderzähne nagten am Mikrofon, als würde ihn der Liebeshunger jeden Moment aus den Socken werfen. Und wieviele Bands schaffen es heutzutage schon, aufregende Konzerte zu geben, ohne eine verdammte elektrische Gitarre zu verwenden?

Die Lieder der Band Of Holy Joy leben vom Wolfgang-Ambros-Effekt. Jeder kann sich mit den Texten identifizieren, entdeckt in irgendeiner Strophe urplötzlich sein eigenes Schicksal. Wie der gute Mann, der bei “Who snatched the Baby” inbrünstig mitgröhlte, als hätte ihm seine Angebetete erst gestern den Laufpaß gegeben.

Johny dazu:”Ich schreibe nie über bestimmte Personen. Es sind eher Erfahrungen, die sich im Laufe der Jahre ansammeln. `Rosemary Smith` z.B. handelt von ungefähr fünfzig verschiedenen Mädchen, die ich gekannt habe.”

Erst kürzlich hat die Band Of Holy Joy ihr neues Album “Manic, Magic, Majestic” veröffentlicht, ein rundum gelungenes Werk, das sie dem perfekten Popsong wieder einen Schritt näher gebracht hat. Und ich wagte nicht, etwas zu werwidern, als mir Johny Brown versicherte:”We have the ambition to write really, really, REALLY brilliant songs!”