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Ronald Hartwig's Datenverarbeitungen

Bloggen im vorigen Jahrhundert: Wiener Fanzine-Kultur in den späten Achtziger Jahren —

Chelsea Chronicle Nr. 2

Ende der Achtziger Jahre waren die Weblogs aus Papier, für “Mashups” wurde der Uhu-Stick herangezogen. Wir schrieben hauptsächlich über Musik, und unser Medium waren “Fanzines”: zusammenkopierte Heftchen, die, in kleinen Auflagen produziert, an den diversen Szenetreffpunkten zum Selbstkostenpreis verscherbelt wurden. Immerhin ergab sich dadurch schon damals ein kleiner kreativwirtschaftlicher Verwertungskreislauf…

Heutzutage ein Weblog zu eröffnen kann man nicht gerade als Pioniertat bezeichnen. Zahllose haushaltende Erziehungsberechtigte, überqualifizierte SupermarktkassiererInnen, minderjährige Gamer und arbeitslose BauarbeiterInnen sind mir da schon zuvorgekommen. Immerhin kann ich aber behaupten, schon vor mehr als zwanzig Jahren meine ersten Artikel veröffentlicht zu haben, in einer Zeit, in der nur einige Futuristen einen Computer besaßen und vom “Internet” noch lange nicht die Rede war. So wie viele Gleichgesinnte schrieb ich hauptsächlich über Musik: Plattenkritiken, Livekritiken, Interviews. Unser Medium waren “Fanzines”: zusammenkopierte Heftchen, die, in kleinen Auflagen produziert, an den diversen Szenetreffpunkten zum Selbstkostenpreis verscherbelt wurden. Davon soll mein “First Post” handeln.

Sniffin' Glue Nr. 12

Sniffin’ Glue Nr. 12

Recherchiert man intensiv genug, ließe sich das Fanzinetum wahrscheinlich bis zu den alten Ägyptern zurückverfolgen. Im “engeren Sinn” (also mit Merkmalen wie zusammenkopierte Textfahnen, bewusst trashige Grafik, Do-It-Yourself-Haltung) ist wohl das Punk-Fanzine Sniffin’ Glue die Mutter aller Fanzines. Herausgegeben von Mark Perry, einem Londoner Punk der ersten Stunde, erschien es von Juli 1976 bis Spetember 1977. Die ersten Ausgaben hatten eine Auflage von 50 Stück, spätere brachten es auf 15.000. Grund genug für Mark Perry, sein Projekt zu beenden.

Mein coming-out als Fanzine-Schreiber hatte ich 1986, als Othmar Bajlicz, damals einer von drei Besitzern des Musiklokals Chelsea, begann, die Musikszene aufzumischen. Keine Bar hatte damals so viele Live-Konzerte und so viele DJ-Schienen. Im Chelsea nun musste ein Informationsmedium her, das den Kreislauf der evolvierenden Lokalcommunity schliessen sollte. Das Chelsea Chronicle war geboren. Die redaktionelle Leitung wurde dem Zeitungs- und Radiojournalisten, DJ und praktizierenden Chelseaisten Chris Duller übertragen.

Müßig zu erwähnen, dass es sich beim Chelsea Chronicle um ein sehr “analoges” Medium handelte. Bei den ersten Ausgaben wurden die Texte von den Schreibern oft handschriftlich abgegeben, dann mit Schreibmaschine abgetippt, ausgeschnitten, mit Uhu-Stick “gelayoutet”, kopiert und mit Heftklammern zusammengetackert. Einer der Schreiber hatte einen Vater, der bei IBM arbeitete. Im Jahr 1987 bekam er von ihm einen Computer geschenkt. Der Bildschirm war natürlich Schwarzweiss und kleiner als der eines heutigen 10-Zoll-Netbooks. Disketten wurden nicht gebraucht, wir kannten ja sonst niemanden, der einen solchen Computer hatte.

Auf dem Rechner gab es ein Textverarbeitungsprogramm, das zwei revolutionäre Features hatte: Erstens konnte man den Text nachträglich korrigieren, ohne ihn komplett neu tippen zu müssen, und zweitens brach er genau an der richtigen Stelle in die nächste Zeile um. Unglaublich – man brauchte, ja man durfte am Ende einer Zeile nicht mehr Return zu drücken, sonder nur noch am Ende eines Absatzes. Schreibmaschinenschreiber wie ich brauchten einige Zeit, um das zu kapieren. Letztlich dauerte es aber nur ein paar Ausgaben, bis das Desktop Publishing aufkam und damit nach der Schreibmaschine auch der Uhu-Stick überflüssig wurde.

Titelseite von Chelsea Chronicle Nr. 3, leider durch ein Bananenetikett verunstaltet.

Titelseite von Chelsea Chronicle Nr. 3, leider durch ein Bananenetikett verunstaltet.

All diese Aspekte des technischen Fortschritts berührten uns Schreiber aber nur am Rande, schließlich waren wir für die Inhalte zuständig. Die Grundlage (und den oft wackeligen Einstieg in den Musikjournalismus) bildeten die Platten- und Livekritiken. Dann gab es noch ein paar KolumnistInnen, die wahrscheinlich am ehesten mit den heutigen Bloggern vergleichbar sind. Sie ließen auch mal die Musik links liegen und schrieben über ganz was anderes. Und kamen damit erstaunlich gut an. Die Königsdisziplin aber waren die Interviews: Weilten die persönlichen Musikheroes mal auf einem Konzert in Wien, konnte man sie in einem miefigen Backstageraum persönlich treffen, mit ihnen ein Bier trinken und ihnen Fragen stellen. Die Musikheroes waren meistens freundlich und kooperativ, schließlich verschafftest du ihnen Aufmerksamkeit. Interviews von angesagten Bands waren oft gute Kandidaten für die Titelseiten der Fanzines, und das bedeutete Ruhm und Ansehen zum Quadrat. Und um Ruhm und Ansehen ging es, denn Zeilenhonorar gab es gewöhnlich keines. Auch eine Parallele zur heutigen Blogosphäre.

War man mehrgleisig unterwegs,  ergab sich aber ein perfekter Kreativ-industrieller Kreislauf: Man holte sich von den Plattenfirmen die Gratis-Rezensionsexemplare, schrieb eine Plattenkritik im Fanzine. Am Abend legte man als DJ die Platten auf, durfte währenddessen frei trinken soviel man wollte. Mixen und Scratchen gab es höchstens in New York; in Wien beschränkte man sich auf Überblendungen zwischen den Songs, dadurch blieb genung Zeit, um mit Freunden zu plaudern und die eigenen sozialen Netzwerke zu pflegen – oder sexuelle Beziehungen anzubahnen. Zur Sperrstunde gab es ein paar hundert österreichische Schilling bar auf die Hand, mit denem man die WG-Miete zahlte oder die eigene Plattensammlung punktuell erweiterte.

Die "Allgemeine Krankenhaus Zeitung" von Tex Rubinowitz

Die “Allgemeine Krankenhaus Zeitung” von Tex Rubinowitz

Das Beispiel Chelsea Chronicle machte in Wien schnell Schule. Viele Schreiber in den frühen Ausgaben gründeten selber Fanzines. Christian Schachinger (heute Der Standard) und Peter Rehberg gründeten den Gürtel (damals eine Referenz auf den grindigsten Stadtteil von Wien – von Lokalmeile war noch keine Rede). Der Gürtel setzte in Punkto Trash und Scheiss-mich-nix-Haltung noch eines drauf. Der Autor und Cartoonist Tex Rubinowitz gründete die Amerikanische Krankenhaus Zeitung und veröffentlichte unter anderem Texten von Max Goldt, der ebenfall in Berlin als Fanzine-Schreiber begann. Das Flex Digest widmete sich der Hardcore-Szene rund ums Flex, das damals noch in Meidling beheimatet war. Auch das Skug war eine Abspaltung des Chelsea Chronicle, hatte aber eher die Ansprüche einer seriösen Musikzeitung. Das Skug ist auch das einzige Fanzine von damals, das heute noch regelmäßig erscheint.

basilisk_quBasilisk, Grubenhund, Vampyroteutus Infernalis, Tief unten, Arschloch Glücklich… die Liste ließe sich lange fortsetzen. Sie alle lebten von der Initiative und der Leidenschaft ihrer Betreiber und wurden eingestellt, als dieses verbraucht war. Für einige Schreiber war es ein Sprungbrett in den professionellen Journalismus, sie heuerten beim Standard, beim Falter oder beim ORF an. Dank Web 2.0, WordPress, RSS und Konsorten wuselt es heute wieder an der Basis. Die Möglichkeiten sind heute ganz andere, die Motivation der Protagonisten ist aber im Großen und Ganzen gleich geblieben: Es geht erstmal nicht um Geld, sondern um Aufmerksamkeit. Um soziale Anerkennung und die Platzierung des eigenen Standpunktes, manchmal um die Erprobung der eigenen schreiberischen Qualitäten, manchmal um ein Stück Exhibitionismus oder Hirnstriptease, und manchmal um die Hoffnung, auf Umwegen irgendwann doch noch zu so etwas wie Zeilenhonorar zu kommen.


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